1417: Der falsche Martin (Jubiläumsjahre der Reformation, Folge 6)

Von Luther-News unterwegs: 

Es ist der 31. Oktober 1417. Etwas Großartiges ist geschehen: Martin ist Papst.
Der erste Papst, der auf deutschem Boden gewählt wurde. Und das sogar von einem Konzil, wie sich das in einer biblisch fundierten Kirche gehört: Papst Martin.
Ihm traut man die Reformen zu, die die Kirche so dringend nötig hat. Ihm traut man auch die Überwindung der Kirchenspaltung zu, die das Abendland erschüttert.
Habemus papam Martin.
Nun wird alles gut.

Als diese Meldung gestern in der Nachrichtenzentrale von Luther News unterwegs einging, hat man mich sofort nach Wittenberg geschickt. Auch die protestantische Medienwelt sollte natürlich live dabei sein, wenn der mit so vielen Vorschusslorbeeren bedachte Reformpapst Martin hier an der Schlosskirche von den Seinen begeistert empfangen wird.
Und was ist? Ich stehe jetzt hier wie ein Depp und stelle fest:
Da, wo angeblich die berühmte Schlosskirche stehen soll, ist jetzt im Herbst 1417 nur ein matschiges Stück Dorfstraße.
Wittenberg, das vielgerühmte Jerusalem des rechten Glaubens, ist zurzeit noch nichts anderes als ein Kuh-Kaff an der Grenze der kulturell zivilisierten Welt.
Und dieser Papst Martin – das habe ich inzwischen auch herausgefunden – ist gar nicht Martin Luther. Der frisch gewählte neue Pontifex namens Martin ist mitnichten der Wittenberger Reformator, der einfach 100 Jahre früher gekommen ist, um die Sache vielleicht etwas eleganter lösen zu können. Nein, ein gewisser Oddo di Colonna ist es, der da gerade zum neuen Papst Martin gewählt worden ist. Ein Italiener also. Sprich: das Übliche. Und einer, der noch nicht mal Priester ist oder wenigstens Diakon. Sondern – und alles andere wäre bei dieser römischen Kirche ja auch eine Überraschung – mal wieder ein Jurist als Papst.

Der Vatikan hat übrigens gerade auch eine Klarstellung veröffentlicht zum Thema Überwindung der Kirchenspaltung, von der im Vorfeld so großspurig die Rede war: Mit der Wahl von Papst Martin sei die Kirchenspaltung insofern überwunden, als man jetzt nicht mehr drei konkurrierende Päpste habe wie in den letzten 30 Jahren: einen Papst in Rom, einen weiteren Papst in Avignon und auch noch einen dritten Papst in Pisa. Und was die erwarteten Reformen betrifft: Die würden ausschließlich die innervatikanischen Führungsstrukturen betreffen. Die müssten konsequent gestrafft werden, um ein schnelles Wiedererstarken der römischen Macht zu gewährleisten.

O nein! habe ich gedacht.
Da heißt der neue Mann schon Martin.
Er wird Papst 1417 – Das kann doch kein Zufall sein! – im Jahr des Reformationsjubiläums minus 100.
Er wird im deutschen Konstanz gewählt und gar noch von einem Konzil.
Er weckt allenthalben Hoffnungen auf echte Reformen.
Und dann kommt am Ende doch nur wieder heiße römische Luft dabei heraus?!

Aber bitte: Wer Reformen versemmelt oder verschleppt oder versemmelte oder verschleppte Reformen beschönigt und unters Volk mogelt, wird mit Reformation nicht unter 500 Jahren bestraft.

2 Kommentare

  1. F.-W. Midasch

    Erstaunlich, dass hundet Jahre nach Martin V. noch ein Martin VI. folgte, der zwar kein Papst wurde, aber die Kirche reformierte und erneut spaltete. Aus drei Päpsten wurden unter Martin dem V. wieder einer. Aus der Spaltung wieder eine Kirche. Die im Konstanzer Konzil angestrebte Reformierung blieb aus, die war dem späteren Martin vorbehalten. Was das für das „heiige Römische Reich Deutscher Nation“ bedeutete, spüren wir noch heute.
    Der Reporter von Luther News war hundert Jahre zu früh an Ort und Stelle. Hoffentlich ist er diesmal rechten Zeit da, um den Rummel gebührend zu kommentieren.

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