1617: Geh weg da, Gandhi! (Jubiläumsjahre der Reformation, Folge 4)

Von Luther-News unterwegs: 

Es ist der 31. Oktober 1617, der erste richtig große Gedenktag der Reformation. Aus diesem Anlass wird man hier gleich zum 100. Mal Martin Luthers berühmte 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nageln.
Illustre Gäste aus aller Welt haben sich angesagt, die live dabei sein wollen, wenn der Protestantismus hier mit diesem wunderschönen und einzigartigen Ritus seine Geburtsstunde feiert. In Kürze werden auch die ersten Kutschen mit den Ehrengästen erwartet, die dann hier vorne – oh, Moment! Wer läuft denn da noch herum?! – Entschuldigung, hallo?!
Hallo?!
Hallo, was machen Sie denn da, Herr Gandhi? Sie gehören hier doch gar nicht hin –
Nein, Herr Gandhi, das ist saugefährlich da vorne, gehen Sie bitte sofort da weg. Da preschen gleich die schwedischen Reiter durch.

Und außerdem, Herr Gandhi: Wir haben 1617! Sie sind hier noch gar nicht vorgesehen – Nein, Stopp! Bitte, bleiben Sie da, wo Sie sind!
Und noch mal zur Klarstellung: 1617, Herr Gandhi – 1617, das ist ein Jahr vor 1618.
Und 1618: was war da noch mal?
Na? 1618?
Richtig: 1618 beginnt der 30-jährige Krieg. Na, also, Sie wissen’s ja doch.
Und am Vorabend des 30-jährigen Krieges – da passt einer wie Sie jetzt nicht so wirklich ins Bild, mh? Das sehen Sie doch sicher selber auch so.

Was sagen Sie? Verhindern?
Nein, verhindern können Sie das nicht mehr.
Verhindern, ich bitte Sie.
Und außerdem: Die wollen das!
Doch, beide Parteien wollen das. Die haben sich angeblich sogar schon auf die Opferzahlen geeinigt. Halb Europa, so habe ich gehört, sei das Ziel. Umbringen, vergewaltigen, kaputt schlagen, brandschatzen – Sie wissen schon, was halt zu so einem Krieg dazugehört.
Da können Sie doch jetzt nicht auf einmal diese ganzen schönen Planungen, die längst von allen Beteiligten – was?
Hehe, Sie machen Witze, Herr Gandhi: Mit was wollen Sie diesen Krieg verhindern? Mit Religion?
Herr Gandhi: Dieser ganze Krieg wird geführt werden wegen Religion!
Ja, Katholiken gegen Protestanten. Das ist das Konzept. Dieses ganze Gemetzel haben die doch überhaupt nur verabredet, weil sie den Gottesglauben der anderen – hören Sie: den GOTTESGLAUBEN der anderen! – auf den Tod nicht abkönnen. Verstehen Sie?
Und überhaupt: Eine Religion, die Kriege verhindert, wo gibt es denn so was?
Was soll denn das für eine Religion sein? Wollen Sie die armen Leute hier in Europa ganz verrückt machen? Das versteht hier kein Mensch.
Nein, nein, Herr Gandhi, die wollen sich jetzt hier erst mal dreißig Jahre lang blutig die Köpfe einschlagen, und zwar ausdrücklich im Namen ihres Gottes. Verstehen Sie das denn nicht?

Wie bitte? Wer?
Luther.
Äh, Luther. Witzig, dass Sie ausgerechnet Luther sagen.
Ich fürchte nämlich, dass Ihnen der Name Luther jetzt nicht wirklich weiterhilft, Herr Gandhi.
Ja, das ist richtig, Martin Luther war ein großer religiöser Führer. Deswegen sind wir ja auch heute hier. Aber Luther, wissen Sie, was der gesagt hat zum Thema Krieg und Religion?
Moment, ich hab‘s gleich. Hier:
Wenn du mit deiner Obrigkeit in den Krieg ziehst, dann ist es Gott, der dir das Blutvergießen gebietet. Deine Faust und Spieß sind dann Gottes Faust und Spieß. Drum zieh vom Leder und schlage drein in Gottes Namen.“
Oder hier, diese Stelle: „Denn die Hand, die das Schwert führt und tötet, ist … nicht mehr eines Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott henkt, rädert, enthauptet, tötet und führt den Krieg. Das alles sind seine Werke…
Noch Fragen?!
Wie bitte? Was haben Sie da gesagt? Was war das?
Liebet eure Feinde“?
Wo haben Sie das denn her?
Also, nein, das ist jetzt aber definitiv nicht von Luther.

Oh, ich sehe gerade, es geht jetzt hier richtig los – da kommen ja schon die Landsknechte mit der Luther-Bibel angeprescht.
Herr Gandhi, ich möchte Ihnen jetzt doch sehr dringend empfehlen, dass Sie denen aus dem Weg gehen.
Sofort! Aber so was von sofort!
Weiter!
Weiter, Mann, noch weiter, ja, hinter die dicke Mauer, genau. Oder am besten gleich ganz raus aus Wittenberg. Gerne auch fluchtartig.

Und, Herr Gandhi, versuchen Sie es doch mit Ihren Thesen einfach mal bei den Hindus. Wie wäre das denn? Das ist eine Religion weiter östlich.
Vielleicht haben Sie da mehr Glück.

4 Kommentare

  1. Marita Lanze

    Dieser Gandhi-Einfall ist einfach klasse!!! Und zeigt den ganzen Wahnsinn mit dem Kriege begonnen werden. Und Luthers Interpretation ist einfach schauerlich, kann man nur mit dem Zeigeist versuchen zu verstehen.
    Ihre immer noch katholische Leserin Marita Lanze

  2. Rita Dellhofen

    Wieder ein Beitrag, der nicht nur zum Schmunzeln, sondern vor allem zum Nachdenken anregt.
    Wie alles: einfach witzig, nachdenklich, stimmig, toll persifliert, unnachahmlich…. einfach gut!! Danke dafür!

  3. Friedrich-Wilhelm Midasch

    Zu verstehen ist das nicht, wenn überhaupt dann nur aus der Zeit heraus.
    Wer boshaft ist, sagt: Friede seiner Asche.

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