1717: Johann Sebastian kommt nicht (Jubiläumsjahre der Reformation, Folge 3)

Von Luther-News unterwegs: 

Es ist der 31. Oktober 1717, der 200. Gedenktag der Reformation. Hier vor der Schlosskirche zu Wittenberg, wo Martin Luther einst seine berühmten 95 Thesen an die Tür schlug, werden zu diesem sehr besonderen Anlass wieder illustre Gäste erwartet.

Auf einen Gast sind wir heute natürlich ganz besonders gespannt. Damit meine ich jenen großartigen protestantischen Künstler, von dem viele sagen, allein schon wegen seiner Werke habe sich die ganze Reformation gelohnt. Im Vorfeld konnte man sogar hören, er habe aus Anlass des heutigen 200. Jubiläumstages zu Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ eigens eine kunstvolle und hoch innovative – oh, Moment.
Was ist jetzt das?

Hallo?!
Hallo, Sie da! Sie können da jetzt nicht vor der Schlosskirche ihren Büchertisch aufbauen.
Nein, der Platz dort ist vorgesehen für den großen Chor, der gleich kommt.
Ja, ich weiß, Luthers Kleiner Katechismus ist total wichtig, doch.
Und Luthers Großer Katechismus auch.
Und die Schmalkaldischen Artikel, klar.
Und die Apologie des Augsburger Bekenntnisses, natürlich.
Was? Sie wollen die kompletten lutherischen Bekenntnisschriften gleich den Leuten vorlesen?! Als Festakt?!
Orthodoxie. Ach so. Lutherische Hochorthodoxie. Einer von denen sind Sie, verstehe.

Ja, da wird der angekündigte Chor wohl ein bisschen warten müssen, fürchte ich. Solange jedenfalls, bis unser hochorthodoxer Hardcore-Protestant hier mit dem Verlesen der dogmatischen Grundlagen der einzig richtigen Religion fertig ist.

Oder doch nicht?
Denn ich sehe, soeben kommen da jetzt zwei junge fesche Professoren daher und – sieh einer an: Mit einem Schwung werfen sie den riesigen Büchertisch einfach um.
Na, dann kann da ja gleich doch noch der Chor auftreten.
Hallo? Die Herren Professoren: danke fürs Intervenieren!
Und könnten Sie dann jetzt bitte mal da weggehen und den Platz freimachen? Hier soll nämlich gleich ein lange erwartetes großes musikalisches Werk – ach, geht noch nicht.
Was wollen Sie?
Diskutieren. Aha.
Ja, doch, an sich finde ich das auch gut. Aber muss das wirklich jetzt sofort hier bei diesem Festakt – ?
Aufklärung.
Luther den Dogmatikern entreißen.
Seinen vernunftgemäßen Kern freilegen.
Natürlich, alles wichtig.
Ich verstehe, Sie sind also von der Fraktion der protestantischen Frühaufklärer. Auch gut.
Den Hochorthodoxen mal zeigen, was eine rationalistische Harke ist. Toll.
Aber muss das wirklich an einem Tag wie heute sein, ihr akademisches Streitgespräch?
Muss sein.
Weil Sie Recht haben.
Weil Sie, und natürlich nur Sie, einfach Recht haben.
Wie Luther.

Ja, das sehe ich ein. Recht haben ist unter Protestanten natürlich das Allerwichtigste. Gerade an einem Tag wie heute.
In Ordnung. Dann muss die Musik also doch noch etwas warten.

O, nein! Da kommen ja jetzt noch mal wieder andere und besetzen den Platz vor der Schlosskirche. Wer ist das denn jetzt? Und was machen die da?
Oh – sie beten.
Verstehe, dann sind das ja jetzt wohl die Pietisten. Klar, die gibt es ja jetzt neuerdings auch und die haben hier natürlich noch gefehlt.
Allerdings werden wir dann jetzt wohl richtig lange auf die ersehnte Musik warten müssen. Denn wenn Pietisten mal mit dem Beten anfangen – das kann dauern. Vermutlich werden sie nicht eher Amen sagen, als bis alle Anwesenden den Herrn Jesus als ihren persönlichen Heiland in ihr Herz gelassen haben.

Ja, aber so ist das nun mal unter Protestanten. Nicht mal zum Luther-Feiern können sie sich auf etwas Gemeinsames einigen.
Und statt dass sie ihrem weltberühmten Komponisten endlich die Bühne überlassen, der doch zu keinem anderen Großjubiläum zeitlich so gut gekonnt hätte wie just im Jahr 1717, müssen hier jetzt erst mal alle relevanten protestantischen Fraktionen ausführlich und natürlich sehr wortreich Recht haben.

Wie bitte? Was höre ich da? Johann Sebastian Bach könnte gar nicht kommen? Selbst wenn man ihn eingeladen hätte, könnte er gar nicht kommen? Weil er nächste Woche ins Gefängnis muss?
O je!
Zoff mit seinem Brötchengeber-Fürsten.
Aha.
Und so berühmt finden Sie ihn hier auch überhaupt gar nicht?
Ach. Das ist ja ein Ding. Obwohl der doch nun schon seit so vielen Jahren ein großartiges Werk nach dem anderen raushaut?
Geht den Protestanten hier voll am Dingens vorbei. Mmh.
Die wollen lieber Recht haben. Aha.
Nun denn, dann muss wohl erst im nächsten Jahrhundert der jüdische Kollege Felix Mendelssohn Bartholdy kommen und Bach wieder ausgraben, bevor auch seine Kirche anfängt zu merken, was sie an ihm hat.

Okay, bitte. Dann feiert doch euer 200. Thesenjubiläum in euren protestantischen Wörterwüsten.
Ich verabschiede mich dieweil lieber mit den Klängen meines Lieblingsprotestanten, eures verschmähten Meisters: „Ich hab genug“.

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