1817: Frauke und die Fahne vom Wartburgfest (Jubiläumsjahre der Reformation, Folge 2)

Von Luther-News unterwegs: 

Es ist der 31. Oktober 1817, der 300. Gedenktag der Reformation. Gleich werden hier zum 300. Mal Martin Luthers berühmte 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt.
Aus Anlass dieses großen runden Jubiläums erwartet man wieder Gäste aus aller Welt. In diesem aufregenden Jahr 1817 werden darüber hinaus aber vielleicht auch noch andere Festbesucher auftauchen: mutige junge Menschen, die in diesen Tagen die neue Hoffnung Deutschlands verkörpern. Man munkelt, auch einige der Studenten könnten sich unter die Festgäste mischen, die vor wenigen Tagen auf Luthers Wartburg bei Eisenach das historische erste Wartburgfest gefeiert haben. Das war schon mutig. Denn in diesen bitteren Jahren nach dem Ende der napoleonischen Befreiungskriege herrscht ja überall in Deutschland wieder der reaktionäre Geist der Fürstenherrschaft. Im Sinne der alten Mächte soll es nun endgültig ausgetreten werden, das Feuer, das die Französische Revolution in den Herzen der Jugend Europas entfacht hatte. Darum gilt jetzt auch allenthalben Versammlungsverbot in den deutschen Landen.
Wie gut, dass da jetzt gerade das Lutherjubiläum anstand: Denn zusammenzukommen, um eines der größten Deutschen zu gedenken – das konnten nicht einmal die misstrauischen Fürsten verbieten. Daher hatten die fortschrittlichen Studenten für diesen Oktober zum Wartburgfest eingeladen, an die weltberühmte Lutherstätte. Und in großen Scharen waren sie gekommen: an jenen Ort, wo einst schon Martin Luther vor staatlicher Verfolgung Zuflucht fand und wo er zugleich mit seiner epochalen Bibelübersetzung dem deutschen Volk sein erstes und vielleicht wichtigstes Band der Einheit schenkte: die deutsche Sprache.

Wird dieser Ruf nach Einheit in Freiheit, den man vor wenigen Tagen so eindrucksvoll von den Studenten von der Wartburg her vernahm, auch heute hier in Wittenberg erschallen?
Wird womöglich die schwarz-rot-goldene Fahne, dieses gerade erst aufgekommene neue Symbol der ersten gesamtdeutschen Freiheitsbewegung, am Ende auch hier in Wittenberg flattern?
Wir sind gespannt.

Und ja, tatsächlich, da sehe ich sie auch schon: eine riesengroße schwarz-rot-goldene Fahne.
Noch sind die Menschen nicht zu erkennen, die diese Fahne mit ihren Händen über ihre Köpfen halten, während sie sich eindeutig auf die Tür der Schlosskirche zubewegen. Sie nehmen die Flagge nun herunter und wollen sie offensichtlich dort – oh!
Ja, aber was machen Sie denn da? Hallo? – Was soll das denn jetzt?
Hallo?! – Hallo, Sie da, mit der deutschen Fahne: Halt!
Nein, Sie können diese Fahne jetzt nicht einfach an die Tür der Schlosskirche nageln. Das ist doch der Ort, wo Martin Luthers weltberühmte Thesen – ups!
Ach, Sie sind das, Frau Petry. Und der Herr Höcke auch. Die Herren Poggenburg, Meuthen Nauland, Frau von Storch – das ist ja der halbe AfD-Vorstand. Was machen Sie denn hier?
Nein, Sie sind hier falsch, hören Sie? Trotz der schönen Fahne. Aber so was von falsch.
Nein, hier wird gleich nicht das christliche Abendland zelebriert. Erst recht nicht mit Luther. Da haben Sie was ganz falsch in Erinnerung. Im Gegenteil, Martin Luther hat zu seiner Zeit das christliche Abendland eher ordentlich aufgemischt. Da blieb von der alten starren Ordnung kaum ein Stein auf dem anderen. Und zwar vor allem deshalb, weil er sich ständig auf diesen Morgenländer bezogen hat, auf diesen Jesus von Nazareth.
Nein, gerne auch noch mal zur Klarstellung: Nicht das Abendland, nein, Martin Luther hat das Morgenland erfunden.
Doch, das können Sie überall nachlesen: Dieses Wort gab es vorher gar nicht. Das hat Martin Luther persönlich erfunden. Und zwar, als er die Stelle in der Weihnachtsgeschichte zu übersetzen hatte, wo die Weisen aus dem – genau: aus dem Morgenland, also diese dunkelhäutigen Sterndeuter aus den Tiefen Persiens oder Arabiens –
Was? Schlimme Worte? Fake News?
Das könne gar nicht in der Lutherbibel stehen, weil der Luther aus der Bibel doch bekanntlich ein deutsches Buch gemacht habe?
Ach, so, jetzt verstehe ich: Sie meinen, weil Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, hätte er auch aus dem Morgenland ein Abendland und aus den Arabern, Juden, Schwarzen und Flüchtlingen echte Deutsche gemacht? Vermutlich denken Sie da an sächsische Fahnenschwenker und thüringische Skinheads, stimmt’s, Herr Höcke?

Und bitte, Frau Petry, nehmen Sie doch jetzt endlich mal die Fahne von den Thesen weg. Die Thesen sind doch zum Lesen.
Ja, das weiß ich, dass Sie es nicht so mit dem Lesen haben, sondern mehr so mit dem Fahnenschwenken. Aber damit sind Sie bei Luther nun mal leider falsch. Da geht nichts ohne Lesen und Selber-Denken.
Und übrigens Ihre schöne Fahne, Frau AfD-Vorsitzende, das ist in Deutschland von je her die Fahne des Freiheitspatriotismus gewesen, nicht die des Blut-und-Boden-Deutschtums. Das ist die andere, mit der man Ihren Herrn Höcke und seine Leute manchmal sieht, die Reichskriegsflagge. Aber diese hier, die schwarz-rot-goldene, die steht für ein Deutschland, das begründet ist in der Idee der Freiheit und der Menschenrechte. Sprich, dazu gehört dann jeder, der diese freiheitliche Verfassung achtet. Egal, ob Ossi oder Wessi, Deutschtürke, oder russische Aussiedlerin, eingebürgerter Kriegsflüchtling oder meinetwegen auch AfD-Vorstand.

Und darum, Frau Petry, Vorschlag zur Güte: Sie nehmen die Fahne von den Thesen weg und lassen sie stattdessen friedlich daneben flattern. Dann freuen sich die Studenten bestimmt, wenn die gleich von der Wartburg hierher kommen.
Und dann singen wir noch alle zusammen dazu – nein, nicht „Deutschland, Deutschland über alles“. Das war zu der Zeit doch noch gar nicht erfunden. Sondern lieber schön lutherisch wie immer: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Heinrich Heine wird das Lied später übrigens mal die „Marseillaise der Reformation“ nennen. Wenn Sie sich das einfach mal merken, Frau Petry, dann wissen Sie, in welche Richtung das alles gehört, was hier gleich stattfindet.
„Marseillaise“ – ja, ich weiß, dass das französisch ist. Deutschland hat eben schon damals Europa gebraucht.
Auch zum Beispiel für diese tolle Fahne, die Sie da in den Händen Hand haben.

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