1917: Mit Wladimir in Wittenberg (Jubiläumsjahre der Reformation, Folge 1)

Ein Beitrag von Luther News unterwegs:

Es ist der 31. Oktober 1917, der 400. Gedenktag der Reformation.
Aus Anlass dieses Jubiläums hat man hier in der Wittenberger Innenstadt drei schmucke Tribünen aufgebaut. So haben die illustren Gäste aus aller Welt gute Sicht auf das Top-Event des Tages. Denn gleich werden hier Martin Luthers berühmte 95 Thesen zum 400. Mal an die Tür der Schlosskirche genagelt.
Ja, und da kommen wohl auch schon die ersten Fahrzeuge mit den Ehrengästen. Man sieht – oh, nein, das ist ja ein Panzer!
Halt, Stopp!
Panzer, hallo?! Panzer: Stopp habe ich gesagt! Sofort anhalten!
Der hört mich gar nicht.

Entschuldigung, Herr Panzerfahrer, hallo?!
Sie müssen da sofort weg!
Nein, hier ist gleich eine ganz wichtige Veranstaltung, wo der Platz unbedingt – oh!
Sie sind das.
Ja, guten Abend, Herr Putin, also ich meine: Dobri Wjetschi, ja – aber, könnten Sie vielleicht das Panzerrohr erst mal ein bisschen zur Seite – danke.

Wie bitte, was wollen Sie hier unbedingt verhindern?
Die Revolution?
Was denn für eine Revolution?
Ach so,  d i e  Revolution! Stimmt, die war ja auch 1917, die russische, die mit den Sowjets und dem ganzen Ärger. Ja, jetzt verstehe ich!
Nein, nein, Herr Putin, keine Angst. Das ist nicht die Oktoberrevolution, die hier gleich stattfindet. Nein, es ist der Reformationstag.
Klar, Oktoberrevolution, das kann ich verstehen, dass Sie das verhindern wollen. Wenn das Volk sich auf einmal gegen die da oben –
Ja, genau, dafür hat man ja die Panzer.

Das hat der Luther übrigens genauso gesehen.
Nein, nicht Lenin, um Gottes willen, Luther hieß der, Martin Luther.
Das ist der, wegen dem das hier stattfindet. So ein Kirchen-Reformator. Zutiefst deutsch. Und ich meine, Sie wissen ja, was eben dieser Herr Lenin über die Deutschen gesagt hat: „Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, dann kaufen die sich erst eine Bahnsteigkarte.
Von daher, Herr Putin, vor diesem Herrn Luther müssen Sie als Präsident nun wirklich keine Angst haben. Im Gegenteil, der findet das toll, wenn Fürsten brutal auf Bauern einschlagen und alle umbringen, die sich gegen die Obrigkeit auflehnen.
Doch, das haben wir schriftlich, hier: „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“.
Ja, der ist da genau wie Sie.
Und von daher: Vor dem Reformationstag müssen Sie nun wirklich keine Angst –
Was?
Oktober.
Ja, doch, der Reformationstag ist auch im Oktober, Herr Putin, das ist richtig.
Oktober: ja, Revolution: nein, okay? Sondern kirchlich Oktober, also harmlos Oktober.
Und von daher: Es wäre schön, wenn Sie jetzt das Panzerrohr ein bisschen wegdrehen könnten von der Tür der Schlosskirche, ja? Da sollen doch gleich noch Luthers 95 Thesen angeschlagen werden, und da wäre es sehr schade, wenn die Tür –

Nein, Thesen werden da gleich angeschlagen, Herr Putin, nicht das Kommunistische Manifest. Thesen, frommes Zeug, so Priesterkram.
Das kennen Sie doch von sich zuhause: die Dicken mit den langen Bärten, die Sie sich da auch bei Hof halten. Die mit dem „Kyrie ele-e-e-ison“. Das hat ja mit Revolution nichts zu tun.

Die was? Die – Montagsdemos? Die Montagsdemos damals in Leipzig.
Ja, okay. Guter Einwand, Herr Putin.
Die waren auch im Oktober, das stimmt.
Und die waren auch von der Kirche.
Und die haben Ihnen trotzdem am Ende Ihre ganze schöne DDR kaputtrevolutioniert, so dass –
Okay, Herr Putin, aber damit konnte nun wirklich niemand rechnen. Da ist einfach damals mal ganz viel ganz blöd zusammengekommen. Und so staatstragend, wie sich Luthers Kirche sonst immer gibt, wird so was in Deutschland auch ganz bestimmt nicht wieder vorkommen.

Und außerdem, Herr Putin: Wir haben doch 1917! Da ist doch noch 1. Weltkrieg!
Und Sie sind so ein toller Führer! Da sollten Sie mit Ihrem Panzer doch was Besseres zu tun finden, als hier den armen Lutheranern bei ihrem harmlosen Reformationsjubiläum so einen Schrecken einzujagen.
Sehen Sie.
Na, denn: Völker, hört die Signale!

 

 

 

3 Kommentare

  1. Marita Lanze

    Auch ich als Katholikin amüsiere mich köstlich. Gratulation zu den tollen Einfällen!!

  2. Axel Wilms

    Interessante Gegenüberstellung: Reformation und Revolution. Aber so harmlos und unrevolutionär und unpolitisch war die Reformation ja nun wirklich auch nicht, trotz der in Teilen Obrigkeits-gefügigen und Bauernaufstands-kritischen Schriften Luthers.

    Man meint ja heute, man könne und müsse sich unbedingt gegen den „politischen“ Islam wenden (Ich weiß gar nicht, wer sich den Begriff ausgedacht hat. Das hat man vor ein oder zwei Jahren noch gar nicht gehört, und jetzt scheint das auf einmal selbstverständlich zu sein. Ich habe mich schon oft gefragt, ob diese Forderung eigentlich sinnvoll ist, und bin mir bis jetzt nicht völlig im klaren). Vielleicht ist das einer der Punkte, die dem Christentum im allgemeinen bei uns heute abgehen und die es häufig so irrelevant erscheinen lassen, dass es so unpolitisch ist. Der aktuelle Papst zum Beispiel macht es ja vor, dass es zumindest punktuell auch anders geht und hat damit ja auch schon viel Aufmerksamkeit und (wie ich finde zurecht) Zuspruch bekommen.

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