Auf den Knien danken

Fatime

Was schrieb dieser Herr Luther 2.0 neulich in seinem Blog-Beitrag „Otterngezücht“?
Wofür halten ihn die Leute bei uns: „für einen skurrilen Komödianten, ein sächsisches Museumsstück, einen Thesen-Clown“?
Ich meine, was beschwert der sich? Das sind doch alles ehrbare Berufe.
Ich würde übrigens das Museumsstück nehmen.

Aber jetzt mal im Ernst: Diese Protestanten sind doch immer noch ganz schön eingebildet, oder? Denn apropos Museum: Genau da würde der Herr Reformator doch landen: im Museum. Ohne uns.
Denn wir sind es doch, die Muslime, die das Thema Religion wieder auf die Tagesordnung dieses Landes gesetzt haben. Vorher war da doch tabula rasa. Das Thema war doch durch für die öffentliche Meinung hierzulande. Die endgültige Überwindung der „religiösen Entwicklungsstufe“ durch die säkulare Moderne schien hier ja nur noch eine Frage der Zeit.
Bis man auf einmal gemerkt hat, dass wir auch da sind. Wir, die vier Millionen Muslime mitten in Deutschland. Die mit den Kopftüchern und den Gebetsketten. Die, die sich fünf Mal am Tag vor dem Höchsten verneigen und „Gott ist groß“ rufen.

Ich könnte es auch so sagen: Diese Jubiläums-Protestanten müssten uns eigentlich auf den Knien danken, dass in unserem Land jetzt überhaupt wieder über Religion geredet wird.
Und sogar gestritten. Fast so wie damals zu Luthers Zeiten, als das alte Europa am Streit über die Religion zerbrach und ein neues Zeitalter dabei herauskam.
Wenn ich Protestantin wäre – was Allah verhüten möge –, aber wenn ich Protestantin wäre, ich würde mich unbedingt dran hängen an diesen Zug. Ich würde mich dran hängen an diese sperrigen Muslime mit ihrer befremdlichen religiösen Vitalität, die von der angeblich so überlegenen Moderne bisher noch überhaupt nicht in den Griff zu kriegen war.
Dann gäbe es am Ende vielleicht immerhin eine kleine Chance, dass euer Reformationsjubiläum nicht nur im Museum stattfindet und im Nachtprogramm von ZDF Kultur.

Hatte nicht auch die Reformation eigentlich genau mit so was mal angefangen: mit den spirituell anders Tickenden, den religiös Selbstbewussten, den Protest-Tanten?
Seitdem gibt es jedenfalls hier in Mitteleuropa faktisch keinen monolithischen Religionsblock mehr. Und ich hatte das immer so verstanden, dass das doch ein Segen sei.

Also, Protestanten: Spielt jetzt nicht den Beleidigten. Spielt lieber mit!
Dann haben wir alle was davon.

4 Kommentare

  1. Helga Dalquen

    Liebe Burka-Frau, sehr schön, dass es Sie gibt.
    Ich bin begeistert von Ihren klaren, motivierenden Worten. Religiöse Vielfalt, aber auch Toleranz sind heute besonders gefragt und wichtig. Wir Protestanten sollten uns auf unseren Ursprung besinnen und auch dafür sorgen, dass Halloween vom 31.10. vertrieben wird. Der Tag vor Allerheiligen ist immer der Reformationstag! Ob eigentlich noch jemand weiß, weshalb es genau dieser Tag ist?
    Liebe Grüße bitte auch an L 2.0

  2. Friedrich-Wilhelm Midasch

    Hallo, liebe Burka-Frau,
    ich glaube du stößt mit Deinen Worten, die ich durchaus verstehe, auf taube Ohren. Zumindest hatte ich am Reformationstag den Eindruck. Mit dem Lied „ein Feste Burg ….. „kommen wir nicht weiter.
    Aber vielleicht rüttelst du uns doch noch auf.

    • Lieber Friedrich-Wilhelm Midasch,
      danke für Dein Verständnis. Das ist ja immerhin schon mal ein Anknüpfungspunkt.
      Im Blick auf die „tauben Ohren“ bei euch, von denen Du schreibst, bin ich gar nicht so pessimistisch. Zumindest noch nicht. Immerhin kriege ich ja noch Antworten: von Dr. Luther zum Beispiel (auch wenn der manchmal böse dabei schnaubt), oder auch von Leuten wie dir.
      Ich bedanke mich übrigens auch sehr für den Hinweis auf „Ein feste Burg“. Das ist ja wirklich ein hoch interessantes Lied. Das werde ich mir jetzt noch mal genauer angucken. Vielleicht schreibe ich dann demnächst auch dazu mal was hier in dem Blog.

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