Bayern München

Luther 2.0

Luther 2.0

Mein Thesenanschlag vor 500 Jahren ist ja euer großer Aufhänger fürs Reformationsjubiläum. Inzwischen sehe ich auch schon überall Bilder von mir mit dem Hammer in der Hand vor der Schlosskirche in Wittenberg, und man preist meinen Mut. Was dagegen eher selten geschieht, ist, dass man sich auch mal mit den Inhalten meiner Thesen befasst.

Ich weiß, die 95 Thesen sind schwer zu verstehen, gerade in eurer Welt von heute. Vieles in meinen Thesen erklärt sich nur aus der Zeit damals und das Meiste darin ist ohnehin theologischer Experten-Streit, und dann auch noch auf Latein. Aber die befreiende Botschaft des Evangeliums, für die ich mich lebenslang so eingesetzt habe, die ist auch dort schon zu vernehmen. Zum Beispiel in Thesen 36-37: „Jeder wahrhaft reumütige Christ erlangt vollkommenen Ablass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbriefe…Gottes Geschenk ist das.“
Das heißt ja, ihr müsst keine guten Werke sammeln und erst recht nicht kaufen in Form von Ablassbriefen. Ihr müsst auch keine weißen Westen tragen vor den Leuten und immer auf einen moralisch einwandfreien Ruf achten. Gott kennt eure Sünden, aber er liebt euch auch. Glaubt daran, und ihr könnt fortan das aufrechte Leben von Begnadigten führen.

Nun habe ich mich mal ein wenig umgeguckt bei euch, ob meine Thesen nicht nur gefeiert werden, sondern ob man sie auch verstanden hat.
Zuerst habe ich natürlich bei meiner Kirche geguckt. Dort hat man mir gleich die tolle Geschichte von Margot Käßmann, der Bischöfin, erzählt, die damals betrunken Auto gefahren ist. Als man sie erwischt hat, so erfuhr ich, hat sie gleich reumütig zu ihrem Fehler gestanden und sofort alle ihre Ämter in der Kirche aufgegeben. – Ja, und dann? habe ich gefragt. Nach einer Behandlung oder Auszeit oder was immer es da gab, wie ging es dann weiter mit ihr? – Das war’s dann, war die Antwort. Statt ihrer hat man für die Leitung der Evangelischen Kirche jemand Neues gewählt, der unbescholten war. Und Frau Käßmann hat gesagt, das sei auch völlig okay so. Denn sie sei ja jetzt mit einem Fehler öffentlich aufgefallen, und „eine beschädigte Figur an der Spitze der Kirche“ könne man den Menschen nicht zumuten.
Wie bitte?! habe ich da gerufen. Was sind denn das für Argumente? Und das ausgerechnet bei meinen Evangelischen? Wovor habt ihr denn soche Angst?
Habt ihr etwa die beschädigte Figur vergessen, die überall in unseren Kirchen über dem Altar hängt? Oder glaubt ihr selber schon nicht mehr an die Kraft der Vergebungsbotschaft unseres Herrn Jesus?

Wenn ich etwas gelernt habe beim Schreiben der 95 Thesen und meiner anderen theologischen Schriften, dann den Mut, ein angreifbares Leben zu führen. Ohne Fehler kommt keiner von uns durchs Leben. Wenn ich da etwa nur an meine Schriften zum Bauernkrieg denke und wie bitter sie mir hinterher leid getan haben! Aber unser Ansehen vor Gott – und der ist ja wohl unser wichtigster Richter – wird nicht durch unsere Fehler bestimmt, sondern durch seine Liebe zu uns. Deshalb war meine Devise dann: Pecca fortiter – sed fortius fide. Sündige tapfer, aber noch tapferer glaube.
Das meine ich mit dem Mut, ein angreifbares Leben zu führen.

Aber dann habe ich doch noch etwas Tröstliches gefunden in eurer Welt: ein gewisser Uli Hoeneß, ein verurteilter Steuerstraftäter, hat sich getraut, sich nach seiner Gefängniszeit wieder um das Präsidentenamt im größten und wichtigsten Fußballverein Deutschlands zu bewerben. Auf eine weiße Weste konnte er nicht mehr verweisen, natürlich nicht, allenfalls auf einen tränenreichen Bußweg. Und darauf, dass er sich in Zukunft wieder voll engagieren will in dem Verein, weil er glaubt, dass das seine Berufung ist. Das sei der Ort, wo er mit seinen Kräften hingehört.
Ein „reumütiger Christ“ ohne Ablassbrief, um es in der Sprache meiner Thesen zu sagen, eine „beschädigte Figur“, das ist er gewiss, und zwei Drittel der Deutschen missbilligten ja auch seine Rückkehr.
Aber er bekam das Amt.
Und ich sage: Hut ab, Bayern München.

8 Kommentare

  1. Einen tiefen Diener, Herr Professor, vielen Dank,
    die Gnadenlosigkeit unserer Gesellschaft wird nur selten aufgehalten.
    Wer gefallen ist, auf den tritt man noch ein.

    Ich erinnere nur an den öffentlichen Umgang mit unserem Bundespräsidenten Chr.W. Wenn Staatsanwälte und Journalisten sich zu Richtern machen, z.B. Stichwort Bobbycar.
    Die Bayern sind nicht nur nervig, sondern gelegentlich vorbildlich.

  2. Friedrich-Wilhelm Midasch

    Lieber Martin,
    ich stelle mir vor, du würdest heute leben und würdest mit deinen antisemitischen Äußerungen konfrontiert, würdest du dich dann auch
    noch auf den Satz “ Sündige tapfer, aber noch tapferer glaube“ zurückziehen? Mir kommt immer wieder hoch, wie antisemitisch die evangelische Kirche in den letzten 450 Jahren geprägt war. Du hast einen nicht unerheblichen Anteil daran.
    Im übrigen halte ich das Verhalten von Frau Käßmann für richtig wie auch das von Uli Hoeneß. Beide versuchen, Schaden abzuwenden.

  3. Axel Wilms

    Hallo Martin,

    super, deine Ideen und deine Energie, wie du über 500 Jahre immer wieder neue Anläufe machst und Thesen in die Welt setzt und deine Mitmenschen aufmischst!

    Wobei dein erster Blog damals in Wittenberg ja schon auch eine Menge Merkwürdigkeiten enthalten hat und auf höchstem Niveau und mit großem Aufwand Erkenntnisse ausgebreitet hat, die kein Mensch braucht (behaupte ich jetzt einfach mal).

    Aber dir war ja wichtig, wie du selbst sagst, überhaupt etwas zu versuchen und anzufangen, auch mit dem Risiko, Fehler zu machen und hast dann ja später alles immer wieder geändert und weiter entwickelt und versucht zu verbessern. Das ist schon o.k., ich muss dich loben.

    Deine Thesen hier oben auf der Seite gefallen mir überwiegend sehr gut. In diesem Stil, so wie hier, darfst du von mir aus gerne weiter machen. Nur bitte nicht wieder in die alte Gnadenlosigkeit verfallen! Lass mal Margot ruhig in die zweite Reihe und demnächst in den Ruhestand zurücktreten. Es sind nicht alle so aus hartem Luther-Holz geschnitzt. Und das ist auch gut so.

  4. Ja, sündige tapfer, aber noch tapferer glaube. Daran wollen wir arbeiten, damit eine Frau Käßmann und andere weiter ihre Aufgaben machen können.
    In diesem Sinn eine gute Adventszeit.

  5. Lieber Martin, das Verhalten von Frau Käßmann sehe ich etwas anders als Du:
    1. ist sie nicht betrunken Auto gefahren
    2. ist sie zurückgetreten, um das Amt nicht zu beschädigen
    3. „war`s das dann“ nicht, sie tritt weiter für ihren Glauben ein
    4. ob sie weiter tapfer sündigt, weiß ich nicht, sie ist m.E. glaubwürdiger als manch anderer Amtsträger.

    • Luther 2.0

      Lieber „Mitmensch“,
      ja, das habe ich inzwischen auch schon begriffen: Die Frau Käßmann hat bei euch allen einen dicken Stein im Brett. Vermutlich ja auch zurecht.
      Aber ich habe mich auch gar nicht über ihr Verhalten ereifert: weder über ihre Alkoholfahrt (das wäre ja noch schöner, wenn ich als großer Freund des Wittenberg’schen Bieres da über jemand wie sie lästern würde!), noch über ihren Rücktritt. So eine Entscheidung muss jeder Mensch mit seinem eigenen Gewissen vor Gott ausmachen. Da steht einem anderen kein Urteil drüber zu. Auch mir nicht.
      Nein, was mich aufgeregt hat, das war diese Begründung: „Eine beschädigte Figur an der Spitze der Kirche“ sei den Menschen nicht zuzumuten. Wie bitte? Mit einem dunklen Fleck in der Vita sei nicht mal in einem kirchlichen Amt ein Neustart vorstellbar? Liebe Leute, wovon reden wir denn hier?! Wir reden doch von der Kirche des Jesus von Nazareth! Der für die Verlorenen und Gestrauchelten gekommen ist. Der sich über nichts so freut wie über eine Umkehr nach einem Fehler. Der in seinem Gleichnis den moralisch korrupten Zöllner, der sich zu seinen Fehlern bekennt, vor Gott gerecht nach Hause gehen lässt, und den mit der blütenweißen Moralweste, den stolzen Pharisäer, gerade nicht.
      Man muss ja nicht gleich so super-angreifbar sein wie ich. Nehmt euch an mir kein Beispiel, mit dem, was ich auch alles an Unheil angerichtet habe. Aber ein paar mehr Ecken und Kanten, ein paar mehr Brüche im Leben, zu denen man sich bekennt – meint ihr nicht, dass das auch euch Christen von heute eher glaubwürdiger macht?
      Fragt euer Martin Luther 2.0

  6. Lieber Klüngelbeutel,
    Ich habe zum Fall Hoeneß die gleiche Meinung wie Du, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Für mich ist das Rechtsstaatsprinzip ausschlaggebend, nach dem jemand mit Vorstrafe rehabilitiert werden soll und darum Präsident von Bayern München sein darf. Ansonsten würde ich mich in Rechts- und anderen ethischen Fragen auf eine Beratung aus dem 16. Jahrhundert nur ungern einlassen.
    Ist belegt, dass Luther seine Schriften zu den Bauernaufständen bitter bereut hat? Das wusste ich nicht.

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