Das Christkind und andere Katastrophen

Luther 2.0

Ich weiß, Weihnachten ist vorbei.
Aber diese kleine Nachlese aus Sicht des Reformators muss jetzt einfach noch sein. Ein paar von den Sachen, die ich da bei euch erlebt habe, müssen jetzt einfach noch raus.

Es beginnt mit der Christkind-Katastrophe.
Ich weiß, der Anfang von dem ganzen Mist bin ich selber. Ich habe schließlich das Christkind erfunden. Aber doch nicht, damit ihr – doch der Reihe nach:
Ihr wisst, die Heiligenverehrung meiner Zeit war mir ein absoluter Gräuel. Sie hat viel zu viele Menschen ferngehalten von Gottes befreiender Botschaft. Ich habe die Heiligen daher alle abgeschafft. Meiner Reform ist natürlich dann auch jener Heilige zum Opfer gefallen, der am 6. Dezember für das Beschenken der Kinder zuständig war: der heilige Nikolaus. Weil ich aber nun den Kindern – ich hatte ja selber welche! – nicht die Geschenke wegnehmen wollte, habe ich dafür einen anderen Tag bestimmt, nämlich den 25. Dezember, den Weihnachtstag. Und der Überbringer der Geschenke sollte ab nun nicht mehr der heilige Nikolaus sein, sondern der „Heilige Christ“, also Jesus, das Kind von Bethlehem. Denn er ist ja das große Geschenk Gottes an uns Menschen. Und weil der Heilige Christ unser Gottesgeschenk ist, machen auch auch wir uns jetzt eine Freude mit Geschenken, vor allem natürlich den Kindern.
Soweit die Theorie.
Aber anschließend muss mit meiner schönen Idee etwas fürchterlich schief gelaufen sein.
Denn bei euch schwirrt ja jetzt auf einmal ein weibliches Engelswesen mit Goldlöckchen herum, das ihr Christkind nennt und das angeblich die Geschenke aus dem Himmel auf der Erde ausliefert. Das ist ja pures Heidentum! Das Christkind ist doch kein weihnachtlicher Mini-Gott für kleine Kinder! Und erst recht nicht der Paketbote der Weihnachts-Geschenke-Industrie.
Leute, das habe ich nicht gewollt!
Es soll ja inzwischen sogar schon Drohnen geben, diese kleinen Fluggeräte, mit denen euer amazon-Konzern seine Geschenk-Pakete in die Häuser ausliefert, die „Christkind“ heißen.
Martin, was hast du angerichtet?!

Dann erlebte ich dies: Weihnachten als Pop-Event im Fußballstadion.
Mit dem Christkind-Schock war mein weihnachtlicher Horrortrip noch nicht zu Ende. Am Tag vor Heiligabend nahm man mich mit ins Kölner Fußballstadion zu einer Groß-Veranstaltung mit dem Titel: „Loss mer Weihnachtslieder singe“.
Als ich das Stadion betrat, war ich erst mal baff: Nebelmaschinen und bunte Lichtstrahler tauchten das Spielfeld in ein bizarres Licht. 44.000 Menschen waren gekommen, hatten sogar Eintrittskarten gekauft, gar nicht billig, für dieses „Weihnachten im Stadion“, und nun füllten sie die Ränge. Ausverkauft. Unglaublich! Und aus den Lautsprechern tönten Lieder wie „Alle Jahre wieder“ und „Ihr Kinderlein, kommet“.
Was war das? Warum waren diese Menschen gekommen?
Ein Gottesdienst war das jedenfalls nicht. Eher eine Mischung aus Popkonzert und Lagerfeuer-Singen XXL.
Ich habe mich gefragt: Ist das vielleicht eine neue Weihnachtsreligion? Die sich einfach die christlichen Namen, Lieder, Traditionen mit hinübernimmt in ihr Stadion? Und wer sich eine Eintrittskarte kauft, bekommt dafür 2 Stunden Weihnachtsgefühl?
Ich war mächtig verwirrt.
Gut, diese 44.000 Menschen haben nicht nur den Pop-Barden gelauscht, sondern selber auch viele Weihnachtslieder gesungen. Das ist ja schon mal nicht verkehrt.
Und ja, sie haben ohne Murren auch richtig christliche Sachen gesungen wie „Welt ging verloren, Christ ist geboren“ aus dem Lied „O du fröhliche“. Die Texte liefen ja immer an den Werbebanden entlang, damit alle mitsingen konnten. Da, wo sonst die Reklame flimmert, erschienen jetzt die Weihnachtstexte. Nicht schlecht.
Und auch das, ja: Ich gebe zu, als ich mein Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ aus zigtausend Kehlen hörte und meine Worte an der Werbebande entlanglaufen sah, da lief mir doch auch ein kleiner Schauer den Rücken hinunter. Das hatte was. Doch.
Am Ende habe ich mir gesagt: Martin, wer wie du seine Thesen ohne Zögern dem gerade erfundenen Buchdruck überlässt, damit sie möglichst weit verbreitet werden, der sollte sich über Fußballstadien und Pop-Events als Transporteure der Weihnachtsbotschaft nicht ärgern, sondern freuen.
Also habe ich mich gefreut.
Ich habe dann am Ende sogar bei einem kölschen Lied mitgesungen, das „Halleluja“ hieß, auch wenn ich von dem Text fast nichts verstanden habe.

Und nun zum wunderlichen Schluss: Martin Luther und das Chanukka-Lied.
Was mich bei meiner Reise durch eure Weihnachtswelt 2016 am meisten verwundert und am tiefsten berührt hat, das ist ein Lied, das mir bei einer Chanukka-Feier begegnete. Chanukka, das jüdische Lichterfest mit dem achtarmigen Leuchter, und Weihnachten fielen ja in diesem Jahr ausnahmsweise mal terminlich genau zusammen.
Dass ich bei der Feier überhaupt dabei sein durfte, ist schon mal das erste Wunder. Ich weiß sehr wohl, was ich mit meinen Schriften gegen die Juden angerichtet habe und dass das für immer mit meinem Namen verbunden bleibt. Und dann stehe ich da am Rand dieser Feier und höre auf einmal diese Klänge:


Hallo?! denke ich. Das ist doch mein Lied! Das ist doch die Melodie, die ich 1523 verwendet habe für mein reformatorisches Volkslied „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“. Das hatte ich geschrieben für die Straßen und Märkte, um meine Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen auch unter das einfache Volk zu bringen. Und die Leute haben es dann gleich überall gesungen. Ein Jesuit hat mir am Ende dafür sogar das schöne Zeugnis ausgestellt: „Luthers Lieder haben mehr Seelen getötet als seine Schriften und Reden.“
Und nun höre ich hier diese Töne, das zentrale Chanukka-Lied „Maos Zur“, zu meiner Melodie! Ich weiß nicht, auf welch verschlungenen Wegen die beiden Teile zueinander gekommen sind, wer diese Brücke geschlagen hat und ob das überhaupt eine Brücke ist. Aber es hat mich zutiefst angerührt, dass ich, Martin Luther, trotz allem tatsächlich etwas Schönes beisteuern konnte zu Chanukka.
Das war am Ende meine schönste Erfahrung in eurer Weihnachtswelt.
Und darum scheue ich mich auch nicht, euch am Ende auf diese moderne Version „meines“ Chanukka-Liedes hinzuweisen und euch so mit ein bisschen Pop, ein bisschen jüdischer Tradition und viel Fröhlichkeit zu verlassen: Maos Zur

2 Kommentare

  1. Hallo Martin, ich merke, dass 500 Jahre vergangen sind, seit Du etwas ändern wolltest bzw. geändert hast. Ich bin kirchengeschichtlich unwissend und muss deshalb Deine Aussage zum 25. Dezember hinnehmen, nur dass das Christkind heute zum „weiblichen Engelswesen mit Goldlöckchen“ mutiert sein soll, stimmt nicht. Es heißt immer noch: der Engel, also maskulin und die Goldlöckchen kleiden auch kleine Buben.
    Es freut mich, dass einige „Events“ doch Deine Zustimmung gefunden haben, leider zählt die Mehrheit der Gottesdienste der evangelischen Kirche nicht dazu.

  2. Inge und Klaus Brenner

    Wir fanden alle Luther Gedanken vollkommen richtig.
    In kölsche Worte gefasst: Wigger su

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