Das falsche Datum (Den Hammer schiebt euch sonst wo hin!)

Luther 2.0

Wisst ihr, was mich richtig nervt an eurer ganzen Feierei meiner Reformation?
Dass ihr mich so reduziert auf den Mann mit dem Hammer.
Dass ihr alles an diesem 31. Oktober 1517 festmacht, wo ich meine akademischen Thesen gegen den Ablass veröffentlicht habe.
Und dass ihr mich dabei verkauft als den Freiheitsheld der Neuzeit, der mit wuchtigen Hammerschlägen die mittelalterliche Welt zerschlagen und die Tür zur Liberalität der Moderne aufgestoßen hat.

Was für ein Unfug!
Was für eine Verkürzung!
Eurer modernen Welt kann ich das verzeihen. Wie soll sie es besser wissen, wenn sie sich für meinen Glaubenskampf nicht mehr interessiert?
Aber dass auch meine Kirche mich so reduziert auf das Thema Freiheit – das nervt gewaltig.

Leute, da macht ihr es euch zu einfach.
Freiheit – das findet ja jeder gut. Zugleich ist das aber auch ein Thema, das niemanden bei euch mehr vom Hocker reißt und das mir allenfalls noch einen Platz im Museum sichert: „Aha“, höre ich da die Leute raunen, „guck mal: Martin Luther, das ist doch der, der mit dem Freiheitsding schon ganz früh angefangen hat, interessant.“ Und dann machen sie ein Häkchen hinter mich und schlendern weiter zum nächsten Exponat.

Aber vielleicht wollt ihr womöglich am Ende genau das:
Mich entsorgen ins Museum, mit all meinen unbequemen anderen Seiten und Impulsen?
Nur damit ihr keinen Anstoß mehr erregt mit einem wie mir?
Weil ihr von euren Zeitgenossen um fast jeden Preis gut und modern gefunden werden wollt?

Neulich hörte ich eine Radiosendung über den Konfirmandenunterricht heute. Da wurde auch eine Pfarrerin vorgestellt, die das moderne Verständnis des Unterrichts erläuterte : „Mein Standardsatz am Anfang eines jeden Jahrgangs“, sagte sie, „ist dies: Ich möchte nachher nicht, dass ihr das glaubt, was ich glaube, sondern dass ihr selber wisst, was ihr glauben möchtet.“
Hallo?!
Dass jeder selber weiß, was er glauben möchte?!
Wenn ihr das unter Freiheit versteht: die freie und mündige Glaubensentscheidung des Einzelnen (wofür konkret ist dann ja wohl egal), dann hätte ich mir meine Reformation auch komplett sparen können. Mir war das nämlich alles andere als egal, woran die Menschen glauben. Im Gegenteil, ich habe meinen Hals riskiert für das Evangelium von Jesus.
Dieser modern weichgespülte Luther – das bin nicht ich. Und dieses Freiheitsding, von dem da im Zusammenhang mit mir ständig die Rede ist bei euch, diese sogenannte Glaubensfreiheit, die verdankt ihr doch auch gar nicht mir. Das ist auch nur wieder eine Mogelpackung eurer Kirche. Diese Freiheit verdankt ihr der Aufklärung, die sie ja auch und gerade gegen die Kirche erkämpft hat.
Von daher ist vermutlich auch das nur wieder ein übler Trick von euch: mich als Freiheitsheld mit dem Hammer zu verkaufen. In Wirklichkeit feiert ihr damit nämlich gar nicht mich, sondern euch selbst, eure eingebildete Moderne und ihren Aufklärungsdünkel.
Mit all dem habe ich aber gar nichts zu tun!
Meine Freiheit – das war immer die „Freiheit eines Christenmenschen“ – gebunden an Christus, die Bibel und den Glauben. Auch wenn ihr euch mit so was kaum mehr in die Talkshows und auf die Staatsakte traut.

Ich habe gehört, ein kritischer Professor bei euch habe neulich einen Vorschlag gemacht: Man solle das Reformationsjubiläum nicht am 31. Oktober 2017 feiern, sondern lieber am 18. April 2021. Der 18. April 2021– das ist der 500. Jahrestag meines Auftritts auf dem Reichstag zu Worms. Als ich ganz allein vor Kaiser und Kirche für die Wahrheit des Evangeliums eingetreten bin.
Den Vorschlag fand ich großartig.
Denn an diesem Tag ging es ans Eingemachte. Und nicht um ein bisschen moderne Liberalität.
Es hat mich damals auch nicht für fünf Pfennig interessiert, ob der Kaiser „selber weiß, was er glauben möchte“. Sowenig wie den Kaiser und die Kardinäle meine Glaubensfreiheit interessiert hat. Und zurecht nicht, denn es ging ja um die Wahrheit.
Deshalb habe ich damals auch nicht zu ihnen gesagt: Toleriert mich! Sondern ich habe ihnen entgegnet: Widerlegt mich! Zeigt mir, dass ich mich irre, mit Stellen der Heiligen Schrift und mit Gründen der Vernunft. Sonst stehe ich hier und kann nicht anders, als für diese Botschaft und ihre Wahrheit weiter lautstark und mutig einzutreten.

Eintreten für die Wahrheit.
Unerschrocken kämpfen für das, was man für richtig erkannt hat.
Auch wenn es so aussieht, als sei man ganz allein und hätte keine Chance.
Ich weiß, wer so redet, noch dazu, wenn es ein Gläubiger ist, den hält man bei euch ruckzuck für einen religiösen Fundamentalisten.

Aber jetzt mal umgekehrt gefragt: Könnt ihr Heutigen so eine kämpferische Haltung im Blick auf die Wahrheit nicht letztlich viel eher brauchen als diesen zahnlosen Freiheitsbegriff meiner Kirche, der in eurer relativistischen Beliebigkeitswelt niemandem wehtut, aber auch niemanden groß interessiert?
Nicht mit Gewalt, klar, niemals. Sondern nur mit dem Wort. Aber kämpferisch.
Ich höre jedenfalls immer wieder bei euch, dass es auch heute sehr nötig sei, aktiv einzutreten für das, woran man glaubt. Konkrete Anliegen, wofür das nötig sei, gäbe es genug: ein gemeinsames Europa, das friedliche Zusammenleben mit Muslimen, die Demokratie, der Klimaschutz. Das alles sei gefährdet. Man könne es nicht mehr einfach für selbstverständlich nehmen. Man müsse dafür auch kämpfen.

Vielleicht sollte daher auch meine Kirche noch mal darüber nachdenken, ob nicht der 18. April 2021 das bessere Datum für mein Reformationsjubiläum ist und der Kampf für die Wahrheit das bessere und vor allem luthergemäßere Thema.

8 Kommentare

  1. Martin Schell

    Starke Sätze zur gebundenen Freiheit des Christenmenschen
    und gute, wohl nicht mehrheitsfähige Idee für das Jubiläumsdatum.
    Danke

  2. Marlies Leyendecker

    Großartig, wie auch gespielt letzten Freitag und Samstag auf der Bühne. Sie sind wirklich besonders. Danke nochmal.

  3. Axel Wilms

    Tja, lieber Luther, ich sehe zwar, wie heftig du rotierst in deinem Grab, wenn du die Pfarrerin im Konfi-Unterricht hörst „Ich möchte nachher nicht, dass ihr das glaubt, was ich glaube, sondern dass ihr selber wisst, was ihr glauben möchtet.“, aber da musst du durch.

    Da kannst du aber selber auch nur bedingt was für, da fehlen dir einfach ein paar hundert Jahre Menschheitsentwicklung, in denen sich dein Freiheitsbegriff und damit auch die Art zu glauben, für viele auf eine deutlich höhere Stufe weiterentwickelt hat. Heute respektieren wir sogar schon Kinder, und sogar der Pfarrer im Konfirmanden-Unterricht gesteht ein, dass er auch nur über seinen Glauben Gott erkennen und sich ihm nähern kann, und dass er darin keinen Vorrang gegenüber dem Schüler hat.

    Die Zeiten, in denen irgend jemand gekommen ist, seine persönlichen Überzeugungen in einen Katechismus oder etwas ähnliches geschrieben hat und dann von der gesamten Menschheit erwartet hat, dass sie das auswendig lernt und danach lebt und allen anderen mit Tod und Teufel gedroht und sie verfolgt hat, sind zum Glück vorbei, zumindest in größeren Teilen der Welt.

    Und dein Sola Scriptura kannst du auch wieder zurück haben. Die ausschließliche Fixierung auf die Bibel als alleinige und absolut verbindliche Offenbarung Gottes war zwar ganz nützlich in deinem berechtigten Kampf gegen die Auswüchse deiner damaligen Kirche, war aber schon damals nicht richtig. Als ob nicht auch die Bibel durch und durch menschlich geprägt und damit relativ ist. Als ob nicht auch die Auslegung der Bibel immer auch durch und durch subjektiv und individuell wäre. Und als ob sich Gott nicht auch anders offenbaren würde als durch dieses vor ein paar tausend Jahren von ein paar Menschen geschriebene, ausgewählte und abgeschlossene Buch.

    • Luther 2.0

      Lieber Axel Wilms, dass mir in der Menschheitsentwicklung ein paar hundert Jahre fehlen, wie Du schreibst, da gebe ich Dir recht. Das erlebe ich ja bei meinen Besuchen in Eurer Gegenwart jetzt immer wieder. Wo ich Dir aber nicht recht gebe, ist, dass sich bei Euch der Freiheitsbegriff und die Art zu glauben auf eine „deutlich höhere Stufe“ entwickelt hat.
      Für manches mag das stimmen, anderes dagegen treibt mir die Zornesröte ins Gesicht.
      Wozu ich, zugegeben zähneknirschend, inzwischen ja sage, ist die Glaubensfreiheit Eurer Gegenwart. Die habe zwar nicht ich, sondern die Aufklärung erkämpft. Aber diese Glaubensfreiheit ist wohl tatsächlich ein Fortschritt und scheint inzwischen auch mir dem Wort Gottes in seiner Unverfügbarkeit besser zu entsprechen als mein mittelalterliches Denken. Da habe ich bei Euch etwas gelernt: Ich muss und will es aushalten, dass neben mir Muslime, Atheisten, Buddhisten und die Gläubigen vom heiligen Spaghetti-Monster mit ihren Weltanschauungen leben, auch wenn das für einen Evangeliumskämpfer wie mich oft schwer erträglich ist.
      Was ich aber mitnichten für einen Fortschritt halte, ist, dass ihr nicht mehr darum ringt, was richtig ist. Dass Euch die Inhalte so wenig bedeuten und fast alles irgendwie beliebig geworden zu sein schein. Anything goes, höre ich dann immer. Zu sagen: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, heißt ja auch: Der andere interessiert mich nicht. Und was die Wahrheit ist, kann ja sowieso keiner wissen. Aber damit gebt ihr auch Euer menschliches Miteinander auf und Eure Zukunft. Dann bestimmen am Ende nur noch die Mächtigen. Denn „wer weiß schon, was richtig ist“? Die Trumps und Brexit-Lügner und Höckes dieser Welt haben aber etwas sehr Ungesundes, „was sie gerne glauben möchten“ und womit sie die Debatten bestimmen. Die gewähren zu lassen, wäre kein Fortschritt.
      Also, ein bisschen von meinem Kampfesmut für die Wahrheit täte Euch aufgeklärten Gegenwartsmenschen vielleicht doch auch gut. Oder?

  4. Axel Wilms

    … was ich noch vergessen habe in meinem ersten Beitrag oben: Lieber Luther, dass man das, wozu man sich dann „entschlossen“ hat, es zu glauben, mit ganzer Kraft vertritt und dafür einsteht, da hapert es heute zugegebenermaßen oft bei uns, und da können wir was abgucken bei dir. Du wirst aber auch zugeben, dass das für uns heute schwieriger ist als für dich damals, weil du damals noch kein Bewusstsein von der Relativiertheit und Subjektivität deiner Position hattest und weil du dir damals um Wertschätzung anderer Meinungen und anderer Glaubensüberzeugungen noch keinen Kopf gemacht hast.

  5. Barbara Wichelhaus

    Ich halte mich, Luther, an Deinen Satz: „Wie du an Gott glaubst, so hast du ihn. Glaubst du, dass er gütig und barmherzig ist, so wirst du ihn so haben.“
    In der Bibel finde ich viele Belege für diese Deine Behauptung. Sie alle gründen auf dem Bekenntnis: Gott ist die Liebe.
    Wer einen strafenden, richtenden Gott sucht, findet ihn ebenfalls in der Bibel. Ich denke, wir müssen uns entscheiden, welche Aussagen über Gott für unser Leben wichtig sind. Vielleicht hat die Pfarrerin dies ihren Konfirmanden sagen wollen.

    • Axel Wilms

      Mit diesem Zitat von ihm selbst haben Sie unseren Luther 2.0 ja gnadenlos ausgekontert. Aber da möchte ich ihm jetzt doch beistehen (das hat meine Beschützerinstinkte geweckt).

      Ich rege mich auch auf, wenn man sich seinen Glauben und seinen Gott so locker zurechtlegt wie Pippi Langstrumpf: Ich mach mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt …. .

      Ich finde auch den gütigen, barmherzigen, gerechten Gott in der Bibel und in der Welt. Aber ich finde in der Bibel und in der Welt auch unübersehbar den unbarmherzigen, gnadenlosen und ungerechten Gott. Diese andere, unübersehbare Seite kann ich doch nicht einfach ausblenden, weil mir das angenehmer ist. Jedenfalls nicht, wenn mir die Wahrheit etwas bedeutet. Das scheint mir auch Grundproblem unserer heutigen Kirche, besonders der protestantischen zu sein, dass man ausschließlich den „lieben“ Gott wahrnimmt und alles andere ausblendet.

  6. Barbara Wichelhaus

    „Gott ist die Liebe“ ist nicht gleichzusetzen mit „der liebe Gott“.
    Ich sehe auch „unbarmherzige, gnadenlose und ungerechte“ Kräfte in unserer Welt. Ich ordne sie aber nicht Gott zu, sondern uns Menschen. Sie sind Folgen unserer Taten.

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