Donald Trump, die Wutbürger und der Lobgesang der Maria

Wolfram der Autor

I.
Letztens an einem Freitagabend. Jahresrückblick der Satire-Sendung „Heute-Show“. Wer wird wohl diesmal den „Vollpfosten des Jahres“ verliehen bekommen? Überraschung (gähn): Donald Trump.
So sehr ich diese Sendung sonst schätze – bei diesem Thema zündete ihre Satire so gut wie gar nicht. Man hatte all diese hier aufgezählten Abstrusitäten über den neuen amerikanischen Präsidenten ja schon x-mal in den Nachrichten gehört: seine unsäglichen Aussagen über Minderheiten, sein Politikstil per Twitter-Nachricht, sein Gruselkabinett. An diesem Mann sind schon ganz andere Sachen folgenlos abgeprallt. Dieses hilflose Lächerlich-Machen lindert am Ende nichts von dem Schrecken, den die aktuelle Realsatire aus den USA fast täglich verbreitet.

Auch in Europa war 2016 das Jahr der Wutbürger. Vom Brexit angefangen über Polen, Ungarn, Frankreich bis hin zu unserer deutschen AfD. Der vorläufige Höhepunkt meines Erschreckens darüber war, als ich vor ein paar Tagen diese Nachricht las: Als in Dresden der Bombenleger gefasst wird, der Anschläge auf ein Asylbewerberheim und einen Auftrittsort von Bundespräsident Gauck verübt hatte, stellt sich heraus: Er ist Teil der Pegida-Bewegung. Und hat auch schon bei Kundgebungen dort geredet. Das ist eine neue Qualität des Hasses. Aus Wut ist konkrete Gewalt geworden.

Am Donnerstag vor einer Woche. Ich bin ich bei einer Weihnachtsfeier als kabarettistischer Act engagiert. Vorher hält ein Pfarrer noch eine Andacht. Sein Bibeltext ist das berühmte Magnifikat, der vorweihnachtliche Lobgesang der schwangeren Maria.
Ich höre die Worte aus dem Lukasevangelium Kapitel 1:
„Meine Seele erhebt den HERRN…
denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist
und dessen Name heilig ist.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.“
So richtig merke ich erst, was ich da gehört habe, als der Pfarrer mich mit der Nase darauf stößt: „Maria“, sagt er, „redet ja hier wie eine Wutbürgerin.“
Upps! Und dann begreife ich es endlich: Dass die Gewaltigen vom Thron gestoßen werden, dass die Reichen leer ausgehen und die Abgehängten endlich zu ihrem Recht kommen – das ist nicht nur Trump- und Brexit-Propaganda, das ist auch Teil der biblischen Weihnachtsbotschaft!
Nur – ich bin da offensichtlich auf der falschen Seite! Auf der Seite derer, die Angst haben vor der großen Umwälzung.
Dieses dritte ist mein größtes Erschrecken.

II.
Ich versuche, mich ein wenig zu sortieren.
Spätestens seit der Erfahrung mit diesem Bibeltext und seiner Parteinahme für die Abgehängten und die Wutbürger sage ich:
Ich will unterscheiden zwischen den rassistischen Pöblern und hemmungslos lügenden Rattenfängern auf der einen Seite und den Menschen, die sie wählen, auf der anderen.

Ich finde es daher nicht richtig, die Wähler von Trump, Brexit und AfD für ihre Stimmabgabe zu kritisieren. Wer an einer demokratischen Wahl teilnimmt – anstatt etwa Bomben zu legen oder Asylbewerberheime anzuzünden – verdient Respekt, egal, was er ankreuzt.

Und nein, ich finde es auch nicht okay, solche Wähler als „erbärmlich“, Verlierer, Abschaum oder bildungsfern zu diffamieren, bloß weil ihre Stimmabgabe sich lieber an „gefühlten Wahrheiten“ orientiert als an der gewünschten Wiederwahl des Status quo.
Wohlgemerkt: Den Lügen der Lügner muss man weiter entschieden widersprechen.
Aber wenn manchen Menschen solche Lügen zu „gefühlten Wahrheiten“ werden, dann hat das auch etwas zu tun mit ihrem Ungenügen an jenen Wahrheiten, mit denen man sie sonst abspeist oder konsumtechnisch ruhig zu stellen versucht.
Der Riss, der durch die Welt geht, ist tief. Er produziert nicht nur Flüchtlingsströme und Terror-Attentate, sondern auch Gräben zwischen den Einheimischen. Und daran sind ja nicht nur die schuld, die auf der anderen Seite stehen.

Die Abgehängten – egal ob real oder gefühlt abgehängt – haben sogar das Recht, sich für politische Optionen zu entscheiden, die ihrer eigenen realen Situation womöglich gar nichts bringen. Mit einem Nein zu Schäuble, Europa, CETA usw. mag man sich am Ende ins eigene Fleisch schneiden, siehe die Abstimmung der Griechen vor einem Jahr. Aber dieses Nein zur neoliberalen, globalisierten Moderne, die sich als alternativlos aufplustert, hat auch dann einen Wert, wenn es einem selber nichts bringt.
Die Bibel ist voll von solchen verbalen Ausbrüchen von Wut und Sehnsucht.

Aber – und auch da hilft mir der „Lobgesang der Maria“: ohne Gewalt. Ohne dass der ersehnte Umsturz der lähmenden Ungerechtigkeiten sofort wieder neue Opfer schafft.
Denn die Gewalt in den Worten dieses Lobgesangs ist nicht die Gewalt der eigenen Tat. Es ist nicht die Gewalt der Lastwagenattentäter und Bombenleger und nicht die Gewalt des Mauern bauenden Präsidenten. Es ist Gott, von dem hier allein die Gewalt ausgeht. Und es ist ausschließlich verbale Gewalt. Er ist es, der umstößt, was oben war. Und das tut er mit diesen Worten. Was uns hier begegnet in den Worten der Maria ist die gewaltige Sprache des Glaubens.
Es sind im Übrigen ja schließlich auch Worte aus dem Mund einer schwangeren Frau – quasi das Urbild einer Nicht-Gewalttäterin. Einer Frau zudem, die bald einen Sohn gebären wird, der seinen Umsturz der herrschenden Verhältnisse unter Einsatz des eigenen Lebens bis zuletzt gewaltlos betrieben hat.

III.
Weihnachten – das ist ja meist „Friede auf Erden“. Die verfeindeten Völker, die getrennten Familien sollen wieder zusammenkommen. Diesmal ist es aber eben auch der Blick auf den Riss. Und der – siehe Marias Gesang – gehört eben auch notwendig zu Weihnachten dazu.
Vielleicht ist das Erschrecken darüber ja auch heilsam. Dadurch kommt eine andere Tiefe und Ernsthaftigkeit in die weihnachtliche Verheißung des Neuanfangs: dass da etwas in unsere Welt gekommen ist, das wachsen will und gehört werden und heil machen.

Ach, so, ja, und auch noch dies: „Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres 2016. Denn in diesem Jahr, so die Jury, sei die „gefühlte Wahrheit“ oft wichtiger gewesen sei als die Fakten.

Weihnachten ist am Ende ja auch irgendwie postfaktisch. Vielleicht sogar postfaktisch hoch drei.
Denn die „Wahrheit“ von Weihnachten ist ja nicht zuletzt dies: das Gefühl der Sehnsucht nach Frieden, nach Zuhause, nach Familie. Wenn Kinderaugen leuchten, Kerzen brennen und alle Geschäfte zu sind. Und die Hoffnung auf die Heilung der Risse lebendig wird. In diesen drei Tagen stört uns das jedenfalls nicht, dass da die gefühlte Wahrheit unser Leben bestimmt.
Das ist vielleicht immerhin schon mal ein Anfang.
In diesem Sinne also:
Frohe Weihnachten 2016!

8 Kommentare

  1. Der Autor des Blogs

    Wolfram der Autor fügt an dieser Stelle zwei weitere Kommentare an, die ihn per E-Mail erreichten und die daher hier anonymisiert bleiben:

    Also, wer sich die Ministerliste von Donald Trump anschaut, weiß, dass bald der ungebremste, atomar getriebene Abzocker-Kapitalismus persönlich regiert. Deshalb: Einen größeren Vollpfosten als Donald Trump gibt es nicht.“ (WK)

    Gerade sitze ich noch an einer Weihnachtspredigt. Da lese ich (zur Ablenkung) Deine Gedanken im Klüngelbeutel-Blog. Danke für diesen nachdenklichen und zum Nachdenken anregenden Beitrag! Er bringt auch vieles von meinem Unbehagen darüber, auf der angeblich „richtigen“ (politisch, moralisch etc.) Seite des Risses zu stehen, zum Ausdruck. Gut, dass Du das mal „ein wenig sortiert“ hast. Vielleicht kann ich ja noch was davon in meine Predigt einfließen lassen.“ (JM)

  2. Axel Wilms

    Ein weiter Spagat, zwischen Martin Luther-Blog und Weihnachtsbrief, zwischen der biblischen Maria und der Pegida-Anhängerin.

    O.k., ich glaube auch, als Kirche und als Gemeinde muss man solche Spagate versuchen, und ich kann die in diesem Blog diskutierten Zusammenhänge gut nachvollziehen und teile die meisten Einschätzungen.

    Ich möchte aber doch, trotz Weihnachtszeit, bei der General-Amnestie für den „kleinen“ Pegida-Anhänger einsprechen und auch die relativ wohlwollende Bewertung des Postfaktischen teile ich nicht.

    Es gibt von Augustinus den Satz: Irren ist menschlich, aber aus Leidenschaft im Irrtum zu verharren ist teuflisch. Das Schlimme ist ja bei vielen, dass im vollen Bewusstsein der Unwahrheit und der Bösartigkeit der eigenen Positionen diese vertreten werden. Das ist die pure Freude und Lust an der Lüge und am Bösen an sich. Das sind Grundwesensmerkmale des Faschismus. Da kann man nicht mehr reden. Da kann man nur sehr klar, hart und unerbittlich gegen vorgehen und abgrenzen und ausgrenzen (auch an Weihnachten). „Verständnis“ und „Barmherzigkeit“ wirken da eher als Brandbeschleuniger.

    Oder? Zugegeben, ich bin mir auch nicht ganz sicher.

    Trotzdem Schöne Weihnachten!

  3. Gerd Schinkel

    Ich bin kein Theologe, lieber Wolfram Behmenburg, und sicher in der Bibel-Auslegung unerfahren, aber ich registriere bei mir Gänsehaut und aufgestellte Nackenhaare, wenn sich tatsächlich in der Bibel Rechtfertigungspassagen finden sollten, aus denen sich diejenigen Rückenwind heraussaugen, die dieses Land zerstören wollen – sei es mit Brandsätzen oder mit dem Kreuz auf dem Wahlzettel für diejenigen, die dieses zerstörerische Geschäft in den Parlamenten unterstützend begleiten.

    In dem zitierten Text, aus dem der Pfarrer Anklänge einer Wutbürgerschaft Marias herauslesen mag, finde ich an keiner Stelle eine Passage, aus der sich eine Rechtfertigung herauslesen ließe, sich anzumaßen, in Gottes Auftrag (zur Rettung des „christlichen Abendlandes“?), Gewaltige selber vom Throne zu stoßen.

    Auch mag ich mit der Differenzierung zwischen Gewalttätern und Hasspredigern auf der einen Seite und deren Wählern auf der anderen Seite nicht zu weit gehen. Denn aus der Weimarer Zeit zu lernen heißt auch zu erinnern, dass Hitler und seine braune Gefolgschaft nicht nur durch seine eigene Partei per Putsch an die Macht kam, sondern durch seine Wähler, die sich später so gern exkulpiert haben.

    Und deshalb bin ich auch nicht bereit, mit Nachsicht oder gar Verständnis denjenigen entgegen zu kommen, die sich als „mitlaufende besorgte Bürger“ Montags zu den Pegida-Demos eingefunden und die dort verbreitete Hetze beklatscht haben. Auch diejenigen, die nun in Kenntnis der Parolen, die von Repräsentanten der Partei dieser Volksverhetzer ausgegeben werden (z.B. in Interviews, Talkshows, Presseerklärungen, ohne dass die „Lügenpresse“ manipulierend hätte eingreifen können) diese auch noch wählen, haben Verständnis oder gar den Anspruch auf Respekt verspielt. Denn genau solche Kanaillen haben Hitler mit ihren Kreuzen auf dem Wahlzettel groß gemacht – und hinterher wollte es keiner gewesen sein.

    Das zumindest ist die Wahrheit, die ich postfaktisch fühle, und die mich zum Widerstand gegen diese sogenannten „besorgten Bürger“ nötigt und zum Klartext, wo er angebracht ist – auch kurz vor dem Fest des Friedens.

    Schöne Weihnachten.

    • Wolfram Behmenburg

      Weiten Teilen deines Kommentars, lieber Gerd Schinkel, kann ich nur zustimmen: Lügnern widersprechen, Hetzparolen nicht beklatschen, auf Gewalt verzichten, erst recht, wenn sie auch noch als religiös gerechtfertigt behauptet wird. Das steht ja im Grunde auch alles schon in meinem Beitrag.
      Allerdings ist der Fokus bei mir in der Tat ein anderer.
      Das hat zunächst zu tun mit meinem Erschrecken beim Hören dieses Bibeltextes. Für mich sind solche Momente sehr wertvoll, auch wenn sie manchmal unangenehm sind. Diese Momente, wo ich im Spiegel eines biblischen Textes etwas lerne über mich selbst. In dem geschilderten Fall habe ich aus dem „Lobgesang der Maria“ die Frage mitgenommen: Was bedeutet das eigentlich, wenn in einer zutiefst ungerechten globalen Weltordnung ich selber zu den paar Prozent gehöre, die von ihr profitieren und die daher jede Umwälzung eher fürchten müssen?
      Und was bedeutet es weiter, wenn Leute, von denen ich mich ansonsten scharf distanzieren möchte (ähnlich, wie du das in deinem Kommentar tust), näher bei einer weihnachtlichen Zentralfigur zu stehen scheinen als ich selber? Auch wenn die Zielrichtung des Bibeltextes eine dezidiert andere ist als das, was die Populisten wollen – in ihrem Gestus des Aufbegehrens gegen die Ordnung der Welt zumindest gibt es Parallelen, die mich sehr irritiert haben.
      Der Weihnachtsbotschaft gibt das auf einmal eine unangenehme Rauheit mit, die ich mir und uns nicht ersparen wollte.
      Darüber hinaus gebe ich zu, dass ich mir oft auch nicht so sicher bin wie andere über das, was „richtig“ ist. Ich brauche dafür immer wieder Begegnungen und Gespräche, Zuhören und Nachdenken. Bis zum Erweis des Gegenteils gilt das mit dem Zuhören für mich auch im Blick auf die Schmuddelkinder der diversen gesellschaftlichen Diskurse. Die einen wollen nicht mit AfD-Wählern reden, die anderen nicht mit Muslimen. Ich selber bedauere jede Ausgrenzung.
      „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte.“ soll Tucholsky mal gesagt haben.
      In der Ev. Kirche im Rheinland wird zur Zeit gerade ein theologisches Papier heiß diskutiert: „Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“. Darin wird zum Beispiel für möglich gehalten, dass Gott zu uns auch durch Muslime sprechen könnte. Ich selber habe mich über diese Sicht sehr gefreut, weil ich das für mich durchaus so sagen könnte. Andere finden das einen Verrat am christlichen Missionsauftrag.
      Kann ein AfD-Wähler auch in irgend etwas Recht haben?

  4. Ich glaube so langsam, dass Karl Marx sich „im Grab umdreht“, wenn die Abgehängten der Gesellschaft sich ihren Henker selbst wählen und wegen Unwissenheit alle Lügen glauben (wollen). So langsam verstehe ich, was unsere Vorfahren bewogen hat, in so grosser Zahl einen späteren Massenmörder zu „wählen“.
    Das Buch „Gegen Wahlen“ von van Reybrouck aus diesem Sommer ist sehr zu empfehlen.

  5. Hans Georg Meyer

    Kabarett hat das Ziel, nachdenkliche Persiflierung unterhaltsam zu vermitteln.
    Politik hat das Ziel, das Leben der Menschen zu verbessern, gerade das der Schwachen und Wutbürger. Politik ist umso erfolgreicher, je mehr sie sich auch an Fakten orientiert und nicht nur von Medien- und Kabarettisten-Kampagnen dominiert wird – die für Wahlen natürlich wichtig sind.
    Ein Beispiel: das Thema Terrorismus, medial hoch mit Ängsten belegt.
    Fakt ist: In Deutschland ist die Gefahr, vom Blitz erschlagen zu werden, größer als die Gefahr, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen.
    Leider sagen das die Politiker und Kabarettisten den Leuten nicht, lassen sie mit ihren Ängsten allein.

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