Du sollst dir kein Bildnis machen

Fatime

Martin Luther als Playmobil-Figur, Martin Luther als Fruchtgummi („Diese leckeren Fruchtgummis bieten einen willkommenen Anlass für Predigt und Unterricht.“), Martin Luther als Einkaufswagen-Chip (War da nicht mal was mit Ablass-Münzen?) – an solche Kuriositäten hat man sich im Jahr des Reformationsjubiläums ja inzwischen gewöhnt. Auch eine sympathisierende deutsche Muslima wie ich hat verstanden: So massenkompatibel wie der Reformator hierzulande nun mal ist, kann der Markt solche Dinge schlecht auslassen.

Etwas nachdenklicher gemacht hat mich da schon eine andere Information:
Im Zusammenhang mit einer Ausstellung von Luther-Bildern aus fünf Jahrhunderten habe ich jetzt erfahren, dass Martin Luther offenbar der meistporträtierte Mann der deutschen Geschichte ist. Von keinem anderen gäbe es so viele Bilder wie von ihm.
Da habe ich als traditionell bilderkritische Muslima schon etwas mehr schlucken müssen. Denn es ist ja bekannt, dass der Islam alle religiösen Bilder dezidiert ablehnt.
Und hatte nicht einst auch Luther in seinen jungen Jahren den Islam ausdrücklich dafür gelobt, dass er bilderlos sei?
Hatte nicht einst auch der Wittenberger Heißsporn heftig gegen die vielen Heiligenbilder der katholischen Kirche polemisiert?

Und nun wird der Bilderstürmer selber zur Ikone?
Wie soll eine das verstehen?

Vollends ins Grübeln kam ich, als mir dann jemand Luthers Katechismus zeigte. In dieser Zusammenfassung der evangelischen Lehre erklärt der Reformator dem einfachen Volk und den Kindern die wichtigsten Inhalte des Christentums, so auch die 10 Gebote.
Und nun raten Sie mal, welches Gebot der sonst so bibeltreue Luther da einfach weglässt?
Eben dieses, das zweite: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“
Das lässt er einfach weg!
Damit es am Ende bei der 10-Zahl bleibt – die kann er ja nun schlecht ignorieren –, macht er aus dem letzten Gebot dann eben zwei: Nummer 9, dass man nicht seines Nächsten Haus begehren soll, und Nummer 10, dass man nicht seines Nächsten Weib begehren soll. Dadurch kommt er dann auch auf 10 Gebote und kann so das Bilderverbot ignorieren.
Unglaublich! Martin Luther lässt eins der zehn göttlichen Gebote einfach unter den Tisch fallen!

Ich will jetzt nicht böse sein und ihm unterstellen, dabei habe ihn mal wieder sein übergroßes Ego geleitet. Das könnte ja vielleicht in der Tiefe schon geahnt haben, dass es ein Martin Luther eines Tages zur protestantischen Groß-Ikone bringen würde, zum Einkaufswagen-Chip und zum Fruchtgummi-Luther. Und da sollte nichts im Katechismus stehen, was das verhinderte.
Nein, so böse will ich gar nicht sein.
Denn die eigentliche Strafe für diesen unbiblischen Unfug des Reformators ist die bittere Einsicht, dass er mit seiner jahrhundertelangen Ikonisierung nun auf einmal selbst genau dem Anliegen im Weg steht, für das er eigentlich sein Leben lang so engagiert gekämpft hat: der Verkündigung des Evangeliums von Jesus.
Denn was konnte man lesen in der jüngsten Mitgliedschaftsstudie der Ev. Kirche in Deutschland? Befragt, welche Person sie mit der Evangelischen Kirche in Verbindung bringen, ergab sich bei den Protestanten die folgende Hitparade der Wichtigkeiten:
30% sagten Martin Luther,
13% nannten Jesus Christus,
10% Margot Käßmann und 8% Joachim Gauck.

Dä! habe ich da gedacht. Das hast du jetzt davon, Bruder Martin.

3 Kommentare

  1. Friedrich-Wilhelm Midasch

    Ich habe noch keinen Fruchtgummi-Luther in der Hand gehabt, geschweige denn gelutscht, gekaut oder verschluckt. Wie wäre es, wenn man das Abendmahl mal mit Luther-Fruchtgummi feiert…

  2. Paul Leuschner

    Das mit dem Fruchtgummi geht ja nun g a r nicht. Der klebt ja noch mehr am Gaumen als das Brot. Aber Oblaten mit Lutheraufdruck wären mal was Anderes. Oder wenn man der Hitparade folgt: Gauck und Käßmann könnte man auch ruhig kauen und runterschlucken.
    Mit Jesus geht das leider nicht. Wir sind ja Protestanten, wir esssen Brot und trinken Wein. Jesus als Oblate für uns ein No go!!
    Aber Luther als Badeente, die habe ich zu Weihnachten geschenkt bekommen, das hat was. Da kann man die unsinnigen Dinge, die er gesagt hat, z.B. zum Thema Juden, oder die Dinge, die er weggelassen hat (Bildnis) ganz gut mit ihm besprechen.
    Und glaubt mir, da steht ihm (Badeente) ganz schön das Wasser bis zum Hals!!

  3. Barbara Wichelhaus

    Das Bilderverbot im Alten TestamentT betrifft,so viel ich weiß, die Abbildung Gottes, nicht die eines Menschen. Doch nicht erst seit Michelangelos Gemälde des Schöpfergottes in der Sixtinischen Kapelle sehen wir in Gott einen Mann. Das Dogma der Trinität „Vater, Sohn ,Heiliger Geist “ prägt ein maskulines Bild von Gott. Die Katholiken haben dies wohl empfunden, als sie Maria in den Himmel auffahren ließen und so die „Mutter Gottes“ eng mit der Trinität verbanden.
    Auch wenn es viele Bilder von Luther gibt, ich habe nie gehört, dass Menschen aufgefordert wurden, vor einem Bild Luthers niederzuknieen wie vor einem Heiligenbild und Luther anzubeten wie einen Heiligen. Das ist, finde ich, liebe Fatime, ein entscheidender Unterschied.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.