Häretischer Imperativ – oder: Ihr seid alle ganz verschieden. Ich nicht.

Patientin Eva

Dass ich in ärztlicher Behandlung bin wegen meines chronischen Protestantismus, davon habe ich hier ja schon öfters erzählt.
Jetzt hat der Doktor schon wieder ein neues Symptom bei mir gefunden: Häretischer Imperativ.
Das klingt furchtbar, finden Sie nicht: Häretischer Imperativ. Aber nützt ja nix. Das habe ich jetzt jedenfalls auch.

Das kommt alles übrigens von dem Luther, sagt der Doktor.
Der hat damit angefangen.
Hat einmal vor Publikum groß getönt: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Schon war der Virus in der Welt.
Und ist seitdem auch nicht mehr herauszukriegen aus den Seelen. Aus denen der Evangelen schon mal gar nicht.
Was meinen Sie, sagt der Doktor zu mir, warum es gerade bei den Protestanten so viele Abspaltungen, Freikirchen und Sekten gibt? Und in den ganzen Einzelkirchen dann lauter freischwebende Einzelchristen, die mit ihrer Kirche oft am liebsten nichts am Hut haben? Das kommt alles von diesem Virus.
Und längst ja nicht mehr nur bei den Protestanten, sagt er.
In der modernen Gesellschaft sei das ja heute sogar schon quasi ein Muss, ein Imperativ: dass jeder auch den Luther machen will und Recht haben und „Aber ich…“ sagen. Was beim Reformator noch eine lebensgefährliche Einzelaktion war, sei inzwischen so eine Art innerer Zwang für alle.
Gucken Sie sich doch nur mal die Leserbriefspalten Ihrer Zeitung an, sagt er: Die Leute, die da was schreiben, die haben fast alle Häretischer Imperativ.
Oder die an der roten Ampel nicht stehenbleiben können: „Ich brauche keine kleinlichen Regeln. Ich kann selber denken.“ Auch typisch Häretischer Imperativ.

Ich war natürlich erst mal ziemlich verzweifelt, als der Doktor mit das alles so erklärt hat.
Aber dann hat er mich getröstet und gesagt, dass es da doch schon auch ein paar Therapie-Möglichkeiten gibt.
Am Ende hat er mir auch ein Rezept in die Hand gedrückt. Damit bin ich dann natürlich gleich in die nächste Apotheke. Und dort habe ich auf mein Rezept eine DVD bekommen mit dem Film „Das Leben des Brian“.
Der Doktor hat gesagt, den soll ich mir jetzt vier Wochen lang jeden Abend vor dem Schlafengehen anschauen. Der sei zwar schon etwas älter, der Film, und die Komiker-Truppe, die den gemacht hat, Monty Python, die gäbe es auch schon längst nicht mehr. Aber wirken würde der Film immer noch. Wie kaum ein anderes Mittel.

Ja, und das gucke ich jetzt also jeden Abend.
Ich bin schon in der dritten Woche. Und ein bisschen was merke ich auch schon.
Da ist zum Beispiel eine Szene – seit ich die gesehen habe, komme ich mit meinem Häretischen Imperativ schon viel besser klar.

Ich glaube, so wie die da, genauso muss man das angehen:

Brian ruft der Menge zu: Ihr seid alle Individuen!
Das Volk im Chor: Ja, wir sind alle Individuen!
Brian: Ihr seid alle ganz verschieden!
Das Volk im Chor: Ja, wir sind alle ganz verschieden!
Einer: Ich nicht!

 

Hier der Link zu dem oben zitierten Filmausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=rhJCQCk3sO0

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