„Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin“

Schwader und Lapp

– „Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin.
Die haben doch nix anderes als Arbeiten im Sinn.
Als Katholik da kannste pfuschen, dat eine ist gewiss.
Am Samstag gehste beichten, und fott ist der janze Driss
.“

– Was war das? Was schunkelst du da, Schwader? Das kenn ich doch, das Lied. Das ist doch von dem Jürgen Becker, dem Kölner Kabarettisten.
(Wer von euch Blog-Lesern das Lied nicht kennt: Hier könnt ihr euch das Original anhören bzw. bei Problemen mit der Seite: hier immerhin der Refrain.)

– Nix, Jürgen Becker. Das habe ich bisher auch gedacht. Aber nee, Lapp, in Wirklichkeit ist dieses Lied ein uraltes Kölner Kulturgut.

– Wie kommst du denn da drauf?

– Ich wohne doch direkt neben dem alten Stadtarchiv von Köln: Weißt du, das Ding, das die Deppen von der U-Bahn-Baustelle vor ein paar Jahren zum Einsturz gebracht haben.

– Kawumm – und das Gedächtnis der Stadt flog in den Matsch und durch die Gegend. Ich erinnere mich.

– Ja, und in dem ganzen Chaos ist am Ende wohl irgendwie eine von den Kisten aus dem Archiv, frag mich nicht wie, in meinem Keller gelandet.

– Ach, und was war da drin.

– Zum Beispiel das hier, guck mal.

– Das sind ja alles alte Notenblätter.

– Ja, und immer mit diesem Lied: „Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin“.

– Tatsächlich, ich sehe es, lauter verschiedene Versionen davon, aus allen möglichen Zeiten.

– Manche sind ein bisschen abgewandelt, aber das Thema ist immer dasselbe. Guck mal hier zum Beispiel: Das ist die Version von Jupp Schmitz von 1723. Der Jupp Schmitz war damals Dombaumeister von Köln, und zwar von 1700-1730, steht hier.

– Wie Dombaumeister? Sonst heißt es doch immer, von 1500 bis 1800 hätten die Kölner komplett aufgehört, an ihrem halbfertigen Dom weiterzubauen?

– Ja, das war auch so. Aber man kann doch einen Dombaumeister haben, auch wenn der gar nix baut. Denn erstens ist das Köln. Und zweitens hat der Jupp Schmitz ja genau deshalb damals dieses Lied gedichtet:
Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin.
Die haben doch nix anderes als Arbeiten im Sinn.
Als Katholik da kannste pfuschen, dat eine ist gewiss.
Am Samstag gehste beichten, und fott ist der janze Driss
.“

– Ach, so, verstehe. Dann konnten die Dombaumeister 300 Jahre lang immer schön beichten und brauchten dafür mit dem Arbeiten gar nicht erst anfangen.

– Ich nehme an, deswegen waren die ja auch so froh, dass sie nicht evangelisch waren. Und am Ende waren es ja auch die protestantischen Preußen, die den Dom fertig gebaut haben. Sonst hätte der doch bis heute noch keine Türme.

– Und was hast du da noch?

– Hier das ist auch schön: die Strophe von Erzbischof Maximilian. Der arme Mann musste ja damals miterleben, wie Napoleon, der Franzose, 1802 in die Stadt einmarschiert ist. Und mit einem Schlag war das schöne finstere katholische Mittelalter der Domstadt beendet. Unter der Franzosenherrschaft konnte man in Köln auf einmal die Protestanten und die Juden nicht mehr einfach verbieten, wie man das jahrhundertelang gemacht hatte. Und da hat der Maximilian vermutlich gleich geahnt, was das schon bald für schreckliche Konsequenzen haben würde. Und so hat er an das alte Kölner Lied gleich eine neue Strophe dran gedichtet:
Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin.
Die hab‘n doch nix als Frauen-Gleichberechtigung im Sinn.
Als Katholik, da weiß dein Frauchen, wo es hingehört.
Und zwar nicht an den Altar, wo ’ne Mama doch nur stört
.“

– Bei der Kölner Normalreligion gilt das ja sogar bis zum heutigen Tag.
Aber ich sehe, du hast da noch zwei Blätter.

– Diese beiden hier sind echt böse. Die waren auch ganz unten in der Kiste. Ich glaube, die hat das Stadtarchiv bisher auch noch nie öffentlich gezeigt. Das eine hier ist von Pater P. Mehr steht da nicht drauf als Name. Nur „Pater P. vom Aloisius-Kolleg Bonn“.

– Aloisius-Kolleg, waren das nicht die mit den jahrzehntelangen Missbrauchsfällen?

– Genau. Der Jesuiten-Pater P. jedenfalls hat sich das alte Lied auch zu eigen gemacht und hat es für sich so weiter gedichtet:
Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin.
Die haben doch nix anderes als Arbeiten im Sinn.
Als Katholik da kannste kuscheln, auch wenn’s dein Schüler is‘.
Am Samstag gehste beichten, und fott ist der janze Driss
.“

– Oh! Das ist aber nicht schön.

– Und dann noch dieses hier: Das ist die älteste Fassung von dem Lied, die ich in der Kiste gefunden habe. Die ist von 1529. Damals sind zum ersten Mal überhaupt in Köln Evangelische aufgetaucht: Adolf Clarenbach und Peter von Fliesteden hießen die. Die waren tatsächlich so wagemutig, mitten in Köln öffentlich von Luthers Entdeckungen in der Bibel zu erzählen: Freiheit eines Christenmenschen und solche Sachen. Das haben die Kölner sich natürlich nicht bieten lassen. Und deshalb haben der Rat der Stadt Köln und der Erzbischof die beiden ersten Kölner Protestanten nach Melaten auf den Scheiterhaufen verfrachtet und dort anzünden lassen. Und die Kölner Bürger sind dann natürlich dahin und haben sich das Schauspiel angeguckt. Und wie der Kölner so ist, hat er bei solchen geselligen Anlässen auch immer schnell ein Lied parat. Und das war wohl der historische Moment, wo dieses Lied zum allerersten Mal in Köln öffentlich gesungen wurde. Damals hieß der Text so:
Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin.
Die hab’n doch nur dem Luther seinen Bibelkram im Sinn.
Wir Kölner glauben römisch und halten unsern Mund.
Denn für irgendetwas brennen, das ist nicht sehr gesund
.“

– Upps. – Weiß das eigentlich der Jürgen Becker, was das für ein Lied ist, das er da immer so singt?

1 Kommentare

  1. Friedrich-Wilhelm Midasch

    Wunderbar!
    Mein umgewandelter Text:
    Ich bin so froh, dass ich evangelisch bin,
    mir kommt das Beichten nicht in den Sinn.
    Man muss nicht in Köln leben, um nicht nur nach Arbeit zu streben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.