Lit.COLOGNE 2017: Kein Luther, nirgends

In diesem Jahr des Reformationsjubiläums werde ich ja für vieles gerühmt:
Von meiner Kirche für meine Theologie und für meine kirchlichen Reformen.
Vom deutschen Staat für meine Freiheitsimpulse und als einer der wichtigsten Deutschen aller Zeiten .
Und auch von der Kulturszene kommt viel Lobendes, insbesondere für meine, wie es heißt, überragenden literarischen Verdienste: Meine Übersetzung der Bibel ins Deutsche sei so etwas wie der Urknall der deutschen Literatur gewesen. Mit diesem Werk habe ich gleichsam die deutsche Sprache erfunden und aller deutschen Literatur der Folgezeit das Fundament gegeben: eine Sprache, die man in ganz Deutschland verstand und auch zunehmend sprach und schrieb. Darüber hinaus sei auch die literarische Qualität meiner Übersetzung nicht hoch genug zu rühmen. Sie habe mich zu einem frühen deutschen Poeten gemacht in der langen Reihe der Dichter und Denker unseres Landes. Und unvergleichlich sei auch meine Bedeutung für die Buchkultur hierzulande: Die Lutherbibel sei für Jahrhunderte das meistverkaufte, vielfach sogar das einzige Buch in den Haushalten der Deutschen gewesen. Der Bestseller schlechthin.

Auch wenn das alles nicht meine Absicht war – die lag woanders: in der Wiederentdeckung des Evangeliums von Jesus Christus und in der Erneuerung seiner Kirche –, ich gebe zu, ein Wohlklang in den Ohren des Reformators sind sie schon, solche Loblieder. Denn als Luther 2.0 bin ich durchaus nicht ohne Zweifel unterwegs in eurer Welt. Und ich frage mich auch immer wieder, ob ich die Menschen von heute noch erreichen und berühren kann.

Wie gut, habe ich also gedacht, dass es da jetzt gerade in Köln dieses Literaturfestival Lit.COLOGNE gibt, das größte sogar in ganz Europa. Wenn das stimmt, was in den Staatsreden und Feuilletons über meine kulturelle Bedeutung zu vernehmen war, dann wird eines der zentralen Themen auf der Lit.COLOGNE im Jahr 2017 ohne Frage Luther sein.
Dort will ich also hingehen und zuhören.
Dort will ich etwas lernen darüber, wie kluge und empfindsame Geistesmenschen von heute meine Reformation wahrnehmen. Ich will mir erzählen lassen, wie sich meine reformatorischen Entdeckungen im Leben heutiger Menschen darstellen: zum Beispiel meine Einsicht in die Unfähigkeit des Menschen zur Selbstheilung und sein Angewiesen-Sein auf etwas, was er selbst nicht schaffen kann. Ich will ihnen aufmerksam zuhören, den Literaten von heute, wie sie all das in ihren Geschichten verarbeiten.

Aber, ach –
selten hat mich etwas so erschüttert, wie die Lektüre des umfangreichen Lit.COLOGNE-Programmhefts.
Kein Luther, nirgends.
Eine bunte Fülle von Veranstaltungen mit Autoren und Schauspielern wird angekündigt, die meisten in großen Räumen, viele schon lange ausverkauft. Sage und schreibe 103 verschiedene Angebote sind aufgeführt: Abende über das geheime Leben der Bäume, über das Wandern, das Zeitverschwenden oder über die Dichtkunst eines Kölner Poeten namens Niedecken (der ist offenbar so bedeutend, dass der Abend gleich zwei Mal angeboten wird). Es gibt eine Hommage an die Nervensägen der Menschheitsgeschichte von Sokrates über Rumpelstilzchen bis Galilei (nicht mal in dieser Kategorie komme ich vor), thematische Veranstaltungen zur Türkei, zu Sao Paolo und zu Island gibt es, und dann noch Titel wie Unendlich viele Affen, Ich bin so geil und Die Modernisierung meiner Mutter.
Aber kein Luther. Nirgends.

Ich fürchte, da muss ich wohl noch einiges lernen im Blick auf das, was in eurer Welt, auch in eurer Geisteswelt, heute wichtig ist. Meine Fragen sind es ganz offensichtlich nicht mehr. Und die Antworten, die eure Bücherschreiber und Festivalmacher geben (s. o.), sie scheinen den Menschen von heute offenbar zu genügen.
Ach, das hat wehgetan, „Erfinder der deutschen Sprache“ hin oder her.
Wollt ihr tatsächlich nicht mehr mit Luther reden oder leben, sondern ihn nur noch ins Museum stellen?
Ich will das alles gar nicht: im Jubiläumsjahr 2017 als deutscher Nationalmythos gefeiert werden mit Staatsjubel XXL, eigenem Feiertag und zig Millionen für meine Gedenkstätten. Und darüber hinaus bin ich dann nur noch das aufpolierte Logo einer schrumpfenden Nischen-Kirche?
Das alles will ich nicht. Ich will gehört werden und ins Gespräch gebracht, meinetwegen auch beschimpft und kritisiert werden. Aber ins Museum will ich nicht.

Ob ich am Ende vielleicht doch noch auf das Angebot dieser Muslima Fatime eingehen sollte, das sie mir seinerzeit gemacht hatte? Ihre selbstverständliche Religiosität: könnte die auch meiner Botschaft einen neuen Schub verleihen, und wir beide tun uns zusammen?
Aber wie könnte das gehen?

2 Kommentare

  1. Friedrich-Wilhelm Midasch

    Pech gehabt! Die Luther Bibel liest sich nicht so leicht.
    Da ist Niedecken doch viel besser dran.
    Im übrigen haben wir doch einen ganz neuen Martin, der hört sich viel besser an als ein Martin aus dem 16.ten Jahrhundert.
    Wegen des Angebots von Muslima Fatime lasse Dir Zeit, die läuft Dir nicht weg. Denke immer an Dein Lied. „Ein feste Burg ist unser Gott ……….“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.