Mit Kopftuch an der Krippe

Fatime

Dezember 2016: Ich sitze in einer modernen Kirche.
Vorne steht ein interreligiöser Chor. Ich erkenne Kopftücher, auch ein paar jüdische Kippas. Sie singen ein Weihnachtskonzert. Ein sehr spezielles Weihnachtskonzert. In den Liedern und Texten geht es vor allem immer wieder um Maria.

Ich erinnere mich an den Beitrag, der vor zwei Wochen hier in diesem Blog stand: Darin ging es um den Lobgesang der schwangeren Maria aus dem Lukasevangelium in der Bibel. Der Autor schrieb, dass Maria hier fast wie eine Wutbürgerin klinge in ihrer Hoffnung auf Gottes große Weltenwende.

Ich erinnere mich auch an meine eigene Kindheit. Ich selber war nämlich auch schon mal Maria. Im Krippenspiel in der Kindertagesstätte und später auch nochmal in der Grundschule. Meine muslimisch frommen Eltern hatten gar nichts dagegen. Und meiner Schwester und mir hat es großen Spaß gemacht, mit den anderen Kindern die Weihnachtsgeschichte zu spielen. Mit dem Kopftuch meiner Mutter war ich jedes Mal die Maria. Also fast schon die Hauptperson.

Das Lied des Chores ist jetzt zu Ende. Die Chorleiterin erklärt nun, warum sie manche bekannte Lieder mit neuen Texten singen. Maria komme ja auch im Koran vor. Sie hat sogar eine eigene Sure, die nach ihr heißt, sagt sie.
Was da steht über Maria im Koran, ist in Vielem ganz ähnlich wie die biblische Geschichte: Maria wird schwanger ohne Zutun eines Mannes, eine Jungfrauengeburt. Jesus, oder wie der Koran ihn nennt: Isa ibn Maryam, kommt auch hier zur Welt nicht durch männliche Potenz, sondern als ein Wunder Gottes.
Manches ist hier aber auch ganz anders, höre ich dann. Jesus ist nicht Gottes Sohn. Und Maria daher auch nicht die Mutter Gottes, wie die Christen sie nennen, sondern die Mutter des göttlichen Gesandten und zweithöchsten islamischen Propheten Isa. Und in den Koranversen gibt es interessanterweise auch keinen Josef. Da ist bei Maria nur Gott, der auf sie aufpasst. Ohne Zutun eines Mannes kommt Jesus zur Welt. Und ohne Hilfe eines Mannes muss Maria die Anfeindungen ihrer Umwelt überstehen. Hier begegnet uns nicht die heilige Familie gegen den Rest der Welt. Eher eine starke Frauengeschichte.

Als die Chorleiterin dann weiter von Martin Luther erzählt, der sich – wie der Islam – gegen die Vergottung Marias gewehrt habe, bin ich abgeschweift und war auf einmal wieder in meiner eigenen Kindheit: Dass Josef bei der Geburt Jesu im Koran nicht vorkommt, habe ich gar nicht gewusst. Er war mir so vertraut aus den Krippenspielen.
Aber ich merke jetzt, dass mir die Koranversion auch gefällt. Als ich älter wurde, habe ich früher nämlich manchmal gedacht: An Weihnachten geht es doch gar nicht wirklich um die Geburt von Jesus, sondern um Essen und Geschenke und ein bisschen heile Welt.
Die Maria-Geschichte im Koran ist rauer. Da ist auch weniger Idylle als das, was ich bei den Christen kennengelernt habe. Da ist nur Maria, die flieht in die Wüste und dort dem Tod begegnet. Und Allah, der ihr hilft.

Aber die Musik und die Lieder der Christen zum Weihnachtsfest, die imponieren mir sehr. Die haben mich schon immer tief angerührt. Seit meiner Kindheit ist diese Musik wie eine Brücke, über die ich hin und her gehe zwischen meinem Koran und dem Weihnachten meiner deutschen Heimat.

Jetzt sagt die Chorleiterin das nächste Lied an: „Maria durch die Wüste ging“. Eine alte christliche Melodie, auf die sie einen neuen Text geschrieben haben. In dieser neuen Version werden jetzt die Maria-Verse aus dem Koran besungen. Darf man das?
Aber ich komme gar nicht dazu, darüber weiter nachzudenken. Denn die Klänge des Chores haben mich sogleich mitgenommen:


Und ich merke gleich wieder: Ja, auch dieses neue alte Lied ist eine wunderbare Weihnachtsbrücke.
Ich bin froh, dass ich jetzt hier in dieser Kirche sitze und das höre.
Was die Eiferer des „christlichen Abendlands“ doch alles verpassen!
Und mit einem kleinen Schmunzeln kommt mir die Karikatur wieder in den Sinn, die mir eine christliche Freundin mit ihrer Weihnachtspost geschickt hatte: Ein glatzköpfiger Mann kommt in ein Geschäft mit Weihnachtsartikeln. Der Glatzkopf zeigt auf eine Krippe und fragt den Verkäufer: „Gibt es das auch ohne Flüchtlinge, Juden, Neger und Araber?“ Und der Verkäufer antwortet: „Sie meinen nur mit Schafen, Ochsen und Eseln?“

 

 

(Hier können Sie das interreligiöse Weihnachtslied „Maria durch die Wüste ging“ in Gänze anhören und den Text ansehen: https://www.dropbox.com/sh/jswsvowvolt5ae4/AACwx5ASwTvxuFv3xR43MIhPa?dl=0)

(siehe zu diesem Thema auch den Beitrag aus der WDR-Reihe Lebenszeichen: http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/lebenszeichen/weihnachten-im-koran-100.html )

1 Kommentare

  1. Wolfgang Funke

    Frau Fatimes Beitrag erinnert mich an den Gottesdienst am Heiligen Abend 2014 in der Citykirche Mönchengladbach. Klassische Christmetten gab es genügend in der Stadt, in der Citykirche wollten wir wie in den Jahren zuvor das Geschehen in der Heiligen Nacht in einem ‚anderen‘ Gottesdienst mit anderen Texten und Liedern bedenken. Um 24 Uhr wollten wir gerade beginnen, da kam der Hodscha der befreundeten Diyanet-Moschee mit dem gesamten Vorstand und zahlreichen Gemeindemitgliedern festlich gekleidet in die gut gefüllte Citykirche. Er wünsche uns ein frohes Weihnachtsfest und hatte einen Blumenstrauß mitgebracht, den wir an die Krippe legen sollten. Nun war unsere ‚Krippe‘ in jenem Jahr sehr minimalistisch: Auf einem großen Strohballen mitten in der Kirche lag schlicht und ergreifend von Goldpapier umhüllt das Weihnachtsevangelium……es gab kein Kind, keine Maria, keinen Josef, keinen Ochsen und keinen Esel, nicht einmal Hirten. Ich habe den Hodscha gebeten, aus der Sure 19 (Maryam/Maria) von der Geburt Jesu zu rezitieren: Für die meisten Teilnehmer der Feier in der Heiligen Nacht war es das erste Mal, dass sie – natürlich in arabischer Sprache – eine Koranrezitation hörten. Ich habe anschließend das Weihnachtsevangelium verkündigt, wir haben kurze Grußworte ausgetauscht, miteinander das Friedensgebet der vereinten Nationen gebetet, wir haben den Gästen das ‚Friedenslicht von Betlehem‘ mitgegeben (das bis heute in der Moschee brennt), einzelne christliche und muslimische Teilnehmende haben spontan sehr persönliche Worte zur Begegnung beigetragen, und so haben wir eine intensive gemeinsame Heilige Nacht erlebt, in der wir die Geburt Jesu aus Maria bedacht haben. Die meisten der ursprünglich für den Gottesdienst vorgesehenen Texte und Lieder haben wir nach dieser eindrucksvollen Begegnung dann stillschweigend ausfallen lassen, weil mit der Verkündigung des Evangeliums und mit der Koranrezitation in dieser besonderen Nacht schon alles gesagt war…..

    Wolfgang Funke, Pastoralreferent em. an der Citykirche Mönchengladbach

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