Morbus Eva

Patientin Eva

O Mann, mich hat es so richtig erwischt. Ich bin krank, sehr krank.
Ich habe, ich habe – Protestantismus.

Ist das nicht schrecklich? Protestantismus!
Als mein Hausarzt die Befunde ausgewertet hat, da hat er mich erst lange stumm angeguckt und dann gesagt: “Oh, oh – das sieht mir aber jetzt ganz nach einem ausgewachsenen Protestantismus aus. Das hatte ich schon lange nicht mehr. Dass es das überhaupt noch gibt! In meiner Praxis kann ich das aber nicht behandeln. Da müssen Sie zum Spezialisten.“

Ja, und jetzt sitze ich hier und warte auf die Überweisung.

Warten.
Sitzen, warten und nichts tun – können Sie sich vorstellen, was das heißt für eine Protestantin?! Wenn ich das einfach so könnte: still sitzen und warten und die Hände in den Schoß legen – dann wäre ich ja wohl nicht Protestantin.
Allein schon die vielen Worte, die da ständig aus mir raus müssen.
Protestantismus ist ja leider immer auch mit diesem üblen verbalen Ausfluss verbunden. Mein Hausarzt hat das jetzt sogar mal gemessen mit einem 24-Stunden-WZG (Wörter-Zähl-Gerät). Da hatte ich 7388. Ist das nicht furchtbar? 7388!
Über 7000 Worte, die an einem einzigen Tag aus mir rausgeflossen sind. Ich hoffe, das ekelt Sie jetzt nicht allzu sehr. Aber wenn man Protestantismus hat, dann hat man manchmal wie aus dem Nichts dieses Jucken im Mund – und Wusch! fließt schon wieder ein ganzer Schwall Welterlösung oder Besserwisserei aus einem raus, und man kann nichts dagegen tun.
Und am Ende gucken einen alle nur mitleidig an.

Protestantismus! Zumal – bei mir ist das ja auch schon chronisch.
Akuter Protestantismus, das ist ja an sich gar nicht so schlimm. Das haben viele mal. Das ist im Grunde wie so ein Schnupfen. Die Meisten kriegen das so um Weihnachten rum. Da grassiert das dann richtig. Aber dann gehen die damit einmal in die Kirche – und danach ist das auch wieder weg. Komplett ausgeheilt. Und anschließend hat das Immunsystem so viele Antikörper gebildet, dass die danach das ganze Jahr Ruhe haben.
Nur ich nicht. Ich hab das chronisch!

Hoffentlich kommt bald diese Überweisung!
Protestantismus – wer einen davon wohl kurieren kann?

PS:
Richtig heißt meine Krankheit eigentlich „Protestantismus gravis Wittenbergensis“.
Aber in meinem Fall nennt der Doktor es einfach Morbus Eva.
Morbus Eva?“ habe ich zurückgefragt. „Weil ich Eva heiße?“
„Nein“, sagt er, „Morbus Eva für evagelisch. Heißt nicht ihre Kirche so?“

3 Kommentare

  1. Mitmensch

    Hallo, warum so ungeduldig? Protestantismus ist eine gesunde Krankheit. Allerdings habe ich festgestellt, dass manche Erkrankte wirklich Schnellsprecher sind. Durch Konzentration und tägliches Üben kann das abgestellt werden.
    Mich interessiert, welchen Spezialisten der Hausarzt empfiehlt.

  2. Josefine Arens

    Ich finde Ihre Beiträge immer sehr geistreich und humorvoll zugleich und freue mich schon auf die folgenden.

  3. Paul Leuschner

    Liebe Eva,
    ist es nicht wunderbar, dass man so eine schöne Krankheit haben kann?!
    Wenn sie nur richtig ansteckend wäre!
    Neulich las ich, dass sich Katholiken schon fragen, ob sie, wenn sie an einer Demonstration teilnehmen Protestanten wären.
    Ich denke, hier schlägt dieser Virus gut zu.
    Ich leide ja selbst an einer chronischen Variante. Das Schlimme daran ist, dass ich mich richtig wohlfühle, wenn ich wieder einmal einen Gesunden anstecke.
    Ist nicht immer ganz einfach. Manche derer, die an Morbus Atheismus leiden, haben ein ganz kräftiges Immunsystem aufgebaut.
    Aber wie heißt es: Steter Tropfen höhlt den Stein.
    Und das Gute an dieser Krankheit Morbus Eva ist ja:
    1. Man kann sie nicht leicht bekommen, aber sie ist ansteckend.
    2. Hat man sie, ist sie zäh und wird gerne chronisch.
    3. Sie entwickelt herrliche Nebenwirkungen, wie Hilfsbereitschaft, Toleranz, Geduld und Liebe zu den Mitmenschen.
    Ich liebe diese Krankheit. Ärzte dürften sie eigentlich gar nicht behandeln.
    Also, „leider“ weiterhin guten Krankheitsverlauf und k e i n e Genesung!!

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