Muslime missionieren?

Ich habe gehört, es gibt in der Ev. Kirche im Rheinland seit einiger Zeit eine heftige Diskussion darüber, ob man Muslime missionieren soll. Im Blick auf die Juden hat man sich wohl gerade darauf geeinigt, dass man die auf gar keinen Fall missioniert. Und nun geht es um die Muslime. Da gibt es wohl zwei kontroverse Positionen.
Die einen sagen: Muslime sind Gläubige wie wir. Denen fehlt nichts. Wir sollten sie in Ruhe lassen. Sie haben keine Defizite, für die sie die Mission der Kirche bräuchten.
Und die anderen sagen: Mission ist ein klarer Auftrag Jesu in der Bibel. Er hat seine Jünger zu den Menschen aller Völker geschickt. Denn alle Menschen brauchen Gottes Evangelium, damit sie nicht verloren gehen.

Als ich das gehört habe, habe ich gedacht: Ich finde irgendwie beide Positionen gut.
Ich finde gut, als vollwertige Gläubige anerkannt zu werden mit meinem muslimischen Gottesglauben, wie die Christen mit ihrem auch.
Ich finde aber auch gut, dass wir als Gottes Kinder einander nicht in Ruhe lassen mit dem, was wir selber gefunden und verstanden haben. Ich glaube nämlich, dass wir alle einander brauchen, weil wir alle auch unsere Defizite haben, auch in unserem Gottesglauben.
Wenn das christliche Wort dafür „Mission“ ist, dann brauchen wir eben alle die Mission der anderen an uns.

Damit meine ich natürlich nicht, was man leider auch oft erlebt: aggressive Prediger, die andere Menschen mit Druck oder unter Ausnutzung von Notlagen zu Mitgliedern der eigenen Religion machen wollen. Aus Gründen der religiösen Machterweiterung oder fürs klerikale Mitgliederzählen. Ich will keine Rechtfertigung von Scharia-Polizei, salafistischen Koran-Verteil-Aktionen oder auf der anderen Seite von Schnelltaufen muslimischer Flüchtlinge durch obskure deutsche Freikirchen.
Aber wenn ich das richtig verstanden habe, geht es bei Mission ja eigentlich auch gar nicht um so etwas, sondern um etwas ganz Anderes, viel Elementares: nämlich das, worin man selber gut ist, an andere weiterzugeben. Seinen Reichtum und seine Gaben zu teilen. Sich einzubringen für andere und in der Gesellschaft, statt sich abzuschotten und aus allem rauszuhalten.

Wenn ich also zum Beispiel als Muslima jeden Tag meine fünf Gebete mache, egal wo ich gerade bin, und andere das sehen – dann ist das für viele Christen oder auch Nicht-Gläubige immer wieder ein Anstoß. Manche bewundern das, andere schütteln den Kopf. Aber es ist auf jeden Fall ein öffentliches Zeugnis für meinen Glauben, das Reaktionen provoziert. Und das finde ich gut. Ich finde, das schulden wir Gottesgläubigen einander. Und ich kann das in Zukunft auch gerne mit eurem Wort als meine „Mission“ bezeichnen.
Oder wenn ich im Ramadan faste oder wenn Leute mich auf mein Kopftuch ansprechen.
Oder letztlich auch, wenn ich meine muslimischen Gedanken hier in diesen Blog schreibe.
Nennt es wegen mir: Mission einer Muslima an ihren Christengeschwistern. Weil sie glaubt, dass sie in ihrer Glaubenspraxis etwas hat, dass die von ihr brauchen könnten.
Wir sind doch letztlich alle auf unsere Weise Suchende, Gotteskinder unter den gnädigen Augen Allahs, des All-Erbarmers.

Für den Schluss habe ich auch noch ein schönes Beispiel für die andere Richtung: die Mission von euch Christen an uns Muslimen.
Meine Nichte, eine junge muslimische Mutter, hat mir neulich freudestrahlend erzählt, dass sie ihre beiden Kinder jetzt in der evangelischen Kindertagesstätte ihres Stadtteils anmelden konnte. Zwei städtische Kitas wären zwar näher gewesen. Aber sie wollte unbedingt, dass ihre Kinder in die Kita der evangelischen Kirche gehen. In bestimmten Dingen habt ihr in euren Kirchen offenbar auch etwas, was uns gut tut und wovon wir uns für unsere Kinder etwas versprechen.

Muslime missionieren? – Ja, natürlich, sage ich, und zwar in beide Richtungen:
Wir Muslime missionieren – euch.
Und ihr Christen, macht bitte weiter mit eurem – Muslime-Missionieren.

Oder, liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogs, siehst du das anders?

3 Kommentare

  1. Josefine Arens

    Diesen Beitrag finde ich ausgesprochen liebenswert, spricht er doch von großer gegenseitiger Toleranz, so sollte es sein, das wäre paradiesisch.

  2. Elvira Hübner

    Wenn alle Menschen diese tolerante Einstellung hätten, dann wäre es um den Frieden in der Welt sehr viel besser bestellt. Wenn jeder Einzelne – egal welcher Religion – seine Einstellung gegenüber Andersgläubigen in der Nachbarschaft in diese Richtung überprüft, dann sind wir schon einen ganz großen Schritt weiter.

  3. Paul Leuschner

    Ich bin zwar ein Mann, dennoch schreibe ich auf diesen wunderbaren Beitrag. Ich hatte vor einiger Zeit die Möglichkeit, mich länger mit einem männlichen, fundamentalistischen, aber zuhörbereiten Moslem über unseren Glauben zu unterhalten.
    Liebe Fatime, Du glaubst gar nicht, wie nahe, wenn wir n u r über den Glauben sprechen, wir uns sein können.
    Denke weiter so! Mache weiter so! Unser aller Gott, denke ich, will genau das hören!!!

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