Otterngezücht

Luther 2.0

Luther 2.0

Neulich in einem Gemeindehaus meiner evangelischen Kirche im Jahr 2016:
Ich platze in etwas hinein, was ich erst für einen Jahrmarkt halte. Aber dann sagt man mir, das sei das Gemeindefest, die größte kirchliche Veranstaltung des ganzen Jahres.
Fein, denke ich, dann wird man sich hier ja auch bestimmt über einen Gast wie mich freuen: einen leibhaftigen Martin Luther 2.0, der sich mit Lutherschaube und Barett, trinkfreudig und glaubensvoll unter sein protestantisches Christenvolk mischt.
Zu trinken bekam ich aber erst mal nichts. Ich hatte keine Bons.
Was sind Bons?

Als ich dann die fröhlichen Christenmenschen an einem der Biertische nach meinem Kleinen Katechismus fragte, sagte einer: „Der war gut: Katechismus!“ Und alle lachten.
Aber ich stellte mich auf eine Bierbank und rief mit meiner lautesten Stimme: „Jetzt bitte alle mal mitsprechen: Kleiner Katechismus Doktor Martin Luthers, Erklärung zur siebten Bitte im dritten Hauptstück.“
Nun klatschten alle.
Das ermutigte mich, und ich begann: „Wir bitten in diesem Gebet als in der Summa“ – keiner sprach mit, aber alle sahen mich an, als hätten sie noch nie einen Reformator gesehen – „dass uns der Vater im Himmel von allerlei Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt…“
Am Ende konnte nicht einmal der Pfarrer meinen Satz zu Ende sprechen. Nicht einmal der Pfarrer!
Wie ist das möglich?
2017 will diese Kirche groß mein Jubiläum feiern – aber nicht einmal ihre ordinierten Geistlichen können noch meinen kleinen Katechismus?
Für wen halten mich diese Menschen: für einen skurrilen Komödianten, ein sächsisches Museumsstück, einen Thesen-Clown?!
Otterngezücht!

Immerhin, der Pfarrer hatte Bons.
Damit schickte er den Kirchendiener, dass er mir ein Bier bringe. Der Kirchendiener war schwarz, ganz und gar schwarz, ein richtiger Mohr. Ich habe mich erst ein wenig erschreckt.
Aber dann lachte der mich freundlich an und sagte:
„Ich bin aus Eritrea. Ich bin Flüchtling. Prost!“
Und ich lachte zurück und sagte:
„Ich bin aus Wittenberg. Ich bin Martin Luther. Prost!“
„Ah“, sagte er und lachte noch fröhlicher, „Martin Luther King! Gut!“

Wer ist Martin Luther King?

3 Kommentare

  1. Helga Dalquen

    Vielen Dank für den gelungenen Beitrag! So würde Luther es wohl heute erleben.
    In Duden-online schaute ich näher nach „Otterngezücht“, am rechten Bildschirmrand tauchte unterschiedliche Werbung auf, für die ich mich wohl mal interessiert hatte. Mit einem Schmunzeln reihe ich mich ins protestantische Christenvolk.

  2. Ursel Jeiter

    Wer ist Martin Luther King?

    Er war ein amerikanischer Bürgerrechtler. Durch das 3. Wort ‚King‘ unterscheidet er sich von dem Reformator Martin Luther.

    Die globale Zeitgeistverblödung, die durch App’s, Smart-Phones, SMS’s, elektronische Spiele und Werbung als unmerkliche Gehirnwäsche aufgesogen wird, kann von der derzeitigen Generation nicht mehr verarbeitet werden.

    O-Ton MLK: “ Wenn wir nicht lernen, miteinander als Brüder zu leben, werden wir als Narren miteinander untergehen.“

    Wie hat sich unsere Welt in 77 Jahren (die ich heute bin) nach dem letzten Weltkrieg verändert!!

    U.J. 1.Nov.2016

  3. Josefine Arens

    danke für den sinnigen Beitrag, so ist das heute. Schön, dass es Euch gibt, liebe Grüße

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