Schizoprotestantophrenie: Martin Luther vom Kirchentag ausgeschlossen

Patientin Eva

Dass ich Protestantismus habe, und zwar die schwere, die chronische Form, das wissen Sie ja schon von meinem letzten Beitrag.
Heute erzähle ich Ihnen von meiner Abspalteritis.

Die ernsthaft erkrankten Protestanten haben das ja fast alle. Die müssen sich immer abspalten von irgendwas oder irgendwem. Wie damals ihr Reformator. Ich nehme an, das ist, weil Protestanten ja grundsätzlich recht haben. Deshalb müssen sie sich natürlich ständig abspalten von denen, die nicht recht haben. Schizoprotestantophrenie heißt das. Das Wort habe ich mir gemerkt, das ist der Fachbegriff dafür. Schizoprotestantophrenie.

Ich war deswegen ja auch schon in der Psychiatrie. Als ich wieder raus war, habe ich eine Zeitlang tatsächlich gedacht, ich sei davon geheilt.
Ich wusste erst gar nicht, ob ich das nun gut finden soll oder nicht. Bin ich jetzt überhaupt noch protestantisch? habe ich mich gefragt.
Ich habe mich dann versuchsweise gleich für den Ökumene-Ausschuss unserer Kirchengemeinde gemeldet – und ob ihr es glaubt oder nicht, es ist gut gegangen! Ich sitze da jetzt einmal im Monat mit fünf Katholiken, vier von uns und einer Baptistin zusammen – und es geht! Ich muss niemanden ausgrenzen. Ich muss nicht recht haben. Ich hyperventiliere nicht, wenn die katholische Pastoralreferentin den Papst oder Kardinal Woelki in den höchsten Tönen lobt.

Inzwischen weiß ich aber: Ich bin mitnichten geheilt. Dass das Zusammensein mit unseren alten römischen Erzfeinden mich nicht mehr auf die Palme treibt, liegt vermutlich daran, dass die Katholiken von heute sowieso fast immer dasselbe sagen wie wir Evangelischen.

Aber neulich in meiner Willkommens-Initiative, da hatte ich voll den Rückfall. Da hat er sich massiv zurückgemeldet, mein Protestantismus gravis Wittenbergensis.
An dem Tag waren beim Team-Treffen zwei Neue dabei, zwei Jungs vom Gymnasium. Als sie sich vorgestellt haben, hat der eine gesagt, sie hätten an ihrer Schule die „Hausaufgabenhilfe für Flüchtlinge“ ins Leben gerufen. Für „Flüchtlinge“! Das hat der tatsächlich gesagt: für „Flüchtlinge“! Ein Gymnasiast! Dabei ist doch „Flüchtling“ seit mindestens anderthalb Jahren total tabu unter korrekt Engagierten. „Geflüchtete“ heißt das heute!
Die beiden Naivlinge fragten dann sogar noch scheinheilig, was denn so schlimm sei an dem Wort „Flüchtling“. Entmenschlichend sei das, habe ich ihnen entgegengeschleudert, ob sie das denn nicht merken? Das klinge ja fast wie „Schädling“. Noch nie was von der Macht der Sprache gehört?!
Da gaben die beiden sogar noch Widerworte: Für ihn klänge das Wort „Flüchtling“ eher wie „Liebling“, sagte der eine, oder „Darling“. Der andere sagte sogar noch „Frühling“. Da habe ich die beiden aber in den Senkel gestellt. Aber so was von. Mit meiner ganzen protestantischen Kraft. Und spätestens da wusste ich: Ich kann es noch.

Mit dieser Energie-Erfahrung in den Gliedern habe ich dann am selben Tag auch noch abends den Bibelkreis aufgemischt. Die Pfarrerin hatte den Bibeltext, um den es ging, aus der neuen Lutherbibel 2017 vorgelesen. Als Frau! Nimmt sie die Lutherbibel! Wo es doch seit über zehn Jahren die „Bibel in gerechter Sprache“ gibt! In der Situation habe ich dann nicht mehr mit mir spaßen lassen, bis jeder und jede einzelne von denen mit seiner und ihrer patriarchal verseuchten, pseudomodern oberflächlichen oder meinetwegen auch Urtext-griechischen Bibel den Raum verlassen hatte und nur noch ich da stand mit der einzig gerechten Bibel in der Hand. Schizoprotestantophrenisch konsequent.
Denn ich bitte Sie: Warum heißt meine Bibel denn „gerecht“ und alle anderen nicht?
Und was ist wichtiger als das?
Luther etwa?

Apropos Luther: Die AfD ist ja im Vorjahr ausgeschlossen worden vom Katholikentag in Leipzig. Sehr gut, habe ich gedacht, als ich das gehört habe. Auch in puncto Ausgrenzung und Abspalteritis werden sich die Konfessionen immer ähnlicher. In diesem Jahr ist ja nun in Berlin der Evangelische Kirchentag. Erst schien es, als wolle man dort die AfD etwas weniger plakativ ausschließen, als die Katholiken das gemacht hatten. Es hieß, nicht die AfD als solche, sondern nur ihre Inhalte und Positionen würden vom Kirchentag verbannt.
Aber als ich dann hörte, wie die Kirchentagspräsidentin höchst selbst einer verblüfften Journalistin diesen Beschluss erklärte, da spürte ich: Konsequenter protestantisch kann man hier wirklich nicht mehr ausgrenzen. Selbst ein Martin Luther, sagte sie, würde nach den Kriterien dieses Präsidiums nicht auf dem Kirchentag zugelassen. Und danach…


…war meine schizoprotestantophrenische Welt dann doch wieder in Ordnung.

 

 

(Das komplette Interview mit der Kirchentagspräsidentin (Text + Audio) finden Sie hier.)

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