Seit Luther sind wir alle Hamster (Burnout für Fortgeschrittene)

Patientin Eva

Mein Doktor ist echt nett. Er probiert wirklich alles, was ihm nur irgend einfällt, um mich von meinem chronischen Protestantismus zu heilen.
Als neuesten Versuch hat er mich jetzt für acht Wochen in einer Burnout-Klinik untergebracht.
Zuerst habe ich gedacht: Burnout-Klinik? Was hat das denn mit meinem Protestantismus zu tun?
Aber als ich dann da war, habe ich verstanden, warum. In der Burnout-Klinik waren nämlich jede Menge Kirchenmenschen und ganz viele davon evangelisch. Pfarrerinnen und Pfarrer natürlich, aber auch Angestellte aus Gemeindebüros, Diakoniestationen, Jugendeinrichtungen. Sogar aus dem Landeskirchenamt hatte man die Leute hergeschickt. Früher war die kirchlichen Ämter ja mal der Hort des lebenslangen seligen Beamtenschlafs. Aber das ist vorbei. Heute müssen sich die Bediensteten dort von ständig wechselnden Unternehmensberatern alle halbe Jahr durch immer neue Umstrukturierungen und Reformprozesse scheuchen lassen. Bis dann endlich auch sie fällig sind. Für die Überlastungsdepression und die Langzeittherapie.
Der Chefarzt hier sagt immer: Protestantismus ist Burnout für Fortgeschrittene.

Hier habe ich auch erfahren, wer schuld ist an dem Ganzen. Es ist Martin Luther, der Erfinder der protestantischen Krankheit himself. Luther war es nämlich, der damals den Beruf erfunden hat: das deutsche Wort „Beruf“ und ebenso das, was man heute darunter versteht. Vorher hatten nämlich nur die Mönche einen „Beruf“, sprich: eine Berufung von Gott für das, was sie so taten. Und all die anderen konnten sich, ohne groß darüber nachzudenken, einfach so durch ihr belangloses Tagewerk stümpern, um sich dann am Abend mit Biersuppe den Tag schön zu trinken. Und gut war. Aber dann kam der Luther und hat gesagt: Nein, nein, nicht nur die Mönche, jeder Mensch hat einen „Beruf“. Jeder Mensch soll sich in seiner Arbeit verwirklichen. Und zwar mit heiligem Ernst, denn in der Arbeit hat ja jetzt jeder seine göttliche Berufung. „Von Arbeit stirbt kein Mensch“, hat Luther gesagt, „aber vom Müßiggehen…, denn der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen.“
Und von da führte der Weg dann geradewegs durch die Jahrhunderte bis hin zu unseren Hamsterrädern von heute. Ja, und bis in die Burnout-Klinik.

Gestern hatten wir hier in der Klinik einen interessanten Vortrag von einem zornigen Philosophen. Der hatte mal recherchiert über die „Kulturgeschichte der Unruhe“, wie er das nannte. Und der hat gesagt: Der jüdisch-christliche Glaube sei ja von je her schon eine Religion der Unruhe. Aber in der Reformation hätte sich das alles noch mal total verschlimmert und beschleunigt. Dieser Slogan, auf den man bei den Protestanten so stolz sei: „ecclesia semper reformanda“ – die Kirche muss sich nicht nur einmal, sondern permanent immerzu reformieren – das sei ja geradezu eine Heiligsprechung der Unruhe. Eine Vergötterung der Veränderung, so hat er gewettert, egal in welche Richtung. Wie beim Hamsterrad. Hauptsache, es bewegt sich was. Hauptsache, kein Stillstand. Hauptsache, getrieben. Getrieben-Sein, das sei der Heiligenschein der Moderne. Und die letzten echten Todsünden seien die Hände im Schoß, die Sonntagsruhe und das Gottvertrauen.

Ich wollte anschließend noch fragen: Herr Philosoph, kriegt man das auch wieder weg? Oder hat man so was dann für immer?
Aber wir mussten ja vor dem Abendessen auch noch das Blind-Walking in gemischten Paaren, das Trocken-Saunen nach Dr. Herbst und im Thermalbad das Lach-Yoga in der Stille machen. Und natürlich in der Klinik-Kapelle unseren therapeutischen Tagesausklang.
Und so war für meine Frage dann leider keine Zeit mehr.

2 Kommentare

  1. Paul Leuschner

    Liebe kranke Protestantin,
    an chronischem Potestantismaus k a n n man – aber muß man nicht leiden.
    in Johannes 14.6 hat einer, der diese Problem – wahrscheinlich – nicht hatte gesagt:
    Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.
    Das hört sich irgendwie tröstlich an!
    Und dann habe ich einige Worte des g r o ß e n Protestanten Martin Luther gefunden, auf die Frage s e i n e s Glaubens.
    Ich zeige sie dir jetzt:
    Luther auf die Frage nach seinem Glauben:

    Was mein Glaube sein soll?
    Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. –
    Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir um Christi Willen dies täglich Beweinte, Zurückbleibende vergäbe, so ist es aus mit mir, und ich müsste verzweifeln.
    Aber das lasse ich lieber bleiben. —
    Wie Judas an den Baum mich hängen? – Das tue ich nicht!
    Ich hänge mich an den Hals oder den Fuß Christi, wie die Sünderin. —
    Ob ich auch noch schlechter bin als diese.
    I c h halte meinen Herrn fest. —
    Dann spricht ER zum Vater:
    Dieses Anhängsel muss auch durch. Es hat zwar Nichts gehalten und alle Deine Gebote übertreten.
    Vater, aber er hängt sich an mich. —–
    Was will‘s, ich s t a r b für ihn. Lass ihn durchschlüpfen!
    Das soll mein Glaube sein.

    Liebe Patientin, verlasse die Klinik.
    Höre auf Luther!
    Protestantismus ist l e i d e r unheilbar!

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