Wo Frau Merkel sitzt. Fatimes Fragen zum Kirchentag

Fatime

Wenn es einen Satz gibt, der mir von diesem Kirchentag in Erinnerung bleibt, dann ist es
– nein, nicht das Kirchentagsmotto „Du siehst mich“. Das war viel zu wenig prägnant.
Auch nicht Martin Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Luther kam ja kaum noch vor in den Tagen von Berlin. Irgendwie schien der Kirchentag schon fertig zu sein mit dem Reformator. (Oder hatte man ihn am Ende tatsächlich vom Kirchentag ausgeschlossen, wie im letzten Herbst schon mal von höchster Stelle angedroht?)
Nein, der ultimative Satz dieses Kirchentages war für mich ein ganz anderer. Als der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm mit Angela Merkel und Barack Obama vor dem Brandenburger Tor saß und der oberste deutsche Protestant darüber nachsann, dass er ja jetzt neben dem lange Zeit mächtigsten Mann der Welt sitze, kam von Frau Merkel der coole Konter: „Neben Ihnen sitze jetzt erst mal ich.“

 

Glanz und Elend des Kirchentages, ja vielleicht auch des deutschen Protestantismus, gespiegelt in einem Satz: Man hat es zu viel gebracht in Deutschland im Gefolge der Reformation. Das zeigt auch dieser Donnerstagmorgen vor dem Brandenburger Tor. Zwei Polit-Stars haben sich gewinnen lassen für ein Kirchentagsgespräch, sie bekennen sich dabei zu ihrem evangelisch geprägten Glauben, und sie schenken dem Jubiläumskirchentag damit auch sein mediales Highlight. (Sorry, Dr. Luther, aber dir hatte man das offenbar ja nicht mehr zugetraut. Im Gegenteil, wie sagte dein Oberbischof Bedford-Strohm nach dem Gespräch: Dies sei für ihn der Höhepunkt des ganzen Reformationsjubiläums gewesen. Oha.)
Zugleich aber machen diese beiden Politiker, mag die Kirche dabei auch noch so sehr auf ihren Schoß drängen, ganz deutlich, wo die Musik spielt und wer darüber befindet, was verantwortliche Politik ist – und dass ein deutscher Bischof dafür allenfalls als Stichwortgeber und gerne auch noch als Wahlkampf-Helfer gebraucht wird.
Neben Ihnen sitze jetzt erst mal ich.“

Fatime war also auf dem Kirchentag.
Ich habe mich da durchaus sehr wohlgefühlt. Nicht nur, weil ich mit meinem Kopftuch in einer Stadt wie Berlin gar nicht groß auffalle. Sondern auch wegen der angenehmen Art von euch Christenmenschen, einer wie mir das Gefühl zu geben, so wie ich bin, akzeptiert zu sein.
Dennoch bleiben bei mir auch ein paar irritierende Fragen zurück, die ich jetzt hier auch mal loswerden will:
Ihr Christen macht uns Muslimen ja immer wieder Vorschläge, wie wir den Islam reformieren sollten, etwa beim Thema Gottesstaat. Politik und Religion müssten wir unbedingt trennen. Aber jetzt mal im Ernst: An Euch Protestanten können wir uns da aber kaum ein Beispiel nehmen. Denn mehr Staatsnähe als bei der Szene am Brandenburger Tor geht ja wohl kaum, oder?

Weiter: Eure Reformation war ja damals ein einziger großer Streitkomplex, ein jahrzehntelanges Ringen und Streiten um den richtigen Weg. Harten Streit und erbittertes Ringen um die Wahrheit habe ich in Berlin aber nirgends erlebt. Fast überall nur Konsenskultur. Weil die mit anderer Gesinnung gar nicht erst eingeladen waren?

Weiter: Merkel und Obama, beide Real-Politiker und oft genug ja auch Apostel des Sachzwangs, ernteten sogar viel Beifall von euch. Glaubt selbst ihr Christen schon nicht mehr an echte Alternativen zum Status quo?
Oder habt ihr womöglich eure religiöse Kraftquelle fürs Kämpfen verloren?

Sitzen, wo Frau Merkel sitzt.
Wahrscheinlich, so habe ich gedacht, ist das auch kein Zufall, dass Martin Luther damals „stehen“ musste und „nicht anders“ konnte bei seinem weltberühmten Satz in Worms. Der Kaiser saß, auf seinem Thron. Die religiös Mächtigen saßen natürlich auch, da sie ja schon durch ihre Selbstdefinition („Heiliger Stuhl“) im Be-Sitz der Wahrheit sind.
Und nun sieht man auch Martin Luthers heutige Nachfolger darüber nachsinnen, wie nahe bei der Macht sie selber sitzen dürfen?

Und, als wenn das nicht schon genug wäre, hat man mir dann auch noch von der unseligen Rolle des Kirchentags im Blick auf den VW-Skandal erzählt:
Volkswagen, die inzwischen weltweit berüchtigte Firma der Abgas-Betrüger und Fakten-Vertuscher, der Luft-Verschmutzer und Gesundheits-Gefährder, der Öffentlichkeits-Täuscher und Selbst-Reinwascher ist zugleich ein Hauptsponsor des Kirchentags. In seinen inhaltlichen Stellungnahmen steht der Kirchentag ja eigentlich immer für das genaue Gegenteil von all dem. Im Vorfeld gab es daher den Vorschlag, zumindest solange auf den riesigen Spendenbeitrag dieses Konzerns zu verzichten, bis dort ein glaubwürdiger Neuanfang gelungen sei. Die Antwort des Kirchentages dazu lautete: Man vertraue den Worten der VW-Führung, dass man das alles wieder in Ordnung bringen wolle. Und außerdem brauche man das Geld. Es gelte ja große Dinge zu finanzieren.
Ich nehme an, damit waren solche Events gemeint wie das Gespräch zwischen den deutschen Oberprotestanten und Frau Merkel und Herrn Obama.

Dazu muss ich jetzt keine Frage mehr formulieren, oder?

PS:
Ich will aber auch dies nicht vergessen zu sagen: Dass ich als Muslima öffentlich solche Sätze schreiben und hier mit meinen Weggefährten von der christlichen Religion so streiten kann, ist im Blick auf viele Länder in der Welt alles andere als selbstverständlich. Es ist für mich eher ein großes Geschenk an uns Deutsche, für das ich Allah nur danken kann.
Umso wichtiger ist dann aber auch, denke ich, dass ich das, was da manchmal raus muss in mir, wenn mir Dinge falsch zu sein scheinen, auch rauslasse. Damit es hoffentlich weitergehen kann mit dem Lernen in uns allen.
Ihr könnt dann ja gerne eure Widerworte in die Kommentarspalte schreiben.

9 Kommentare

  1. Wie sagte Peter Hahne so schön: „Warum zahle ich mit meiner Kirchensteuer Merkels Wahlkampf?“ und boykottierte den Kirchentag. Mag man über ZDF- Mann Hahne denken, wie man will, Recht hat er in diesem Punkt.
    Der Kirchentag als Laienveranstaltung, basisdemokratisch und unabhängig, von unten organisiert, mit Lust am Streiten und am Eklat – das war wohl mal. Schade, schade – und Luther rotiert im Grab.

  2. Paul Leuschner

    Liebe Fatima,
    bist Du Dir sicher, dass Du auf dem Kirchentag warst, der das 500-jährige Jubiläum des Protestantismus feiern wollte? In Berlin?
    Ich glaube, Du warst auf dem Kirchentag, der die heutige evangelische Kirche gefeiert hat. Der Kirche, die es nach 500 Jahren halt doch immer noch gibt.

    Dass man diese Feier bescheiden, mit Arbeitskreisen zum Thema: Wie gewinnen wir wieder mehr Ansehen in einer glaubensfernen Gesellschaft? hätte durchführen können, denke ich, wäre möglich gewesen.
    Dies entspricht aber nicht der Art einer Kirche, die wohl offensichtlich mit dem Status quo zufrieden ist.

    Gesellschaftstragend, bildend, die moralischen und ethischen Werte Christi vorleben, ist viel schwieriger und deutlich weniger werbewirksam als Frau Merkel und Herrn Obama an das Brandenburger Tor zu setzen und damit Fernsehzeiten zu gewinnen.

    Dass VW den Event (Kirchentag fällt mir in diesem Zusammenhang schwer zu sagen) finanzieren musste, ist gut. Die vielen freiwilligen Helfer und gläubigen Kirchentagsbesucher noch zusätzlich zu ihren Opfern zur Kasse zu bitten, wäre zwar auch gegangen, aber ein bißchen unchristlich.
    Das machen nur andere Veranstalter. Ich erinnere mich an den Weltjugendtag in Köln. Da wurde auch viel Geld bewegt. Feiern können Die! Aber es gab auch da viele Menschen aller Konfessionen, die es den gläubigen Jugendlichen ermöglichten teilzunehmen.

    Fatime, lasse den Kopf nicht hängen. Der Glaube an Christus hat 2000 Jahre, eine Reformation und einen in ihrem Namen geführten 30-jährigen katastrophalen Krieg überlebt. Dieser Glaube hat auch all das Unheil, dass heute noch in seinem Namen oder auch gegen seinen Namen geschieht, überlebt.
    Auch einige Deiner Verwandten, die eventuell als verblendet bezeichnet werden dürfen, wissen eigentlich, dass ihr Allah, Jehova und unser Gott derselbe sind. Sie alle glauben an die Grundwerte des Alten Testamentes.
    Und auch Deine Geschwister sehen in Jesus, für uns der Sohn Gottes und Maß aller Dinge, einen wichtigen Propheten, dem zuzuhören lohnt.

    Schade, dass das mit den alle überzeugenden Wundern nicht mehr so richtig klappt. Was meinst Du, was los gewesen wäre, wenn nach dem Platzwunsch von Frau Merkel aus dem OFF noch eine Stimmen gerufen hätte: „Ganz falsch, wir haben Kirchentag, hier sitze ICH.“

  3. Josefine Arens

    Sehr guter Artikel, der genau den Finger auf die Wunde legt, auch die Religion wird nur noch gezielt benutzt und eingesetzt, wenn es zum eigenen Wohl geht, das hätte Luther auch nicht gerne gesehen.

  4. Mitmensch

    Ich kann Sabine Henke nur zustimmen.
    Liebe Fatime,
    Frau Merkel und Herr Obama waren als „Christen“ auf dem Kirchentag; da sie beide ein politisches Amt innehaben bzw. innehatten, waren sie für die Medien interessant.
    Herr Bedford-Strohm hat sein Amt nicht auf Lebenszeit und ist immer sehr Harmonie-bedürftig.
    Unangenehm aufgefallen ist mir die Wahl bzw. Auswahl der Veranstalter. So wurde dem KAIROS Palästina-Solidaritätsnetz Deutschland vom Erzbistum Berlin der 2016 abgeschlossene Mietvertrag im April diesen Jahres fristlos gekündigt wegen arglistiger Täuschung. Eine einstweilige Verfügung wurde beantragt, aber nicht erteilt. Im Thema „50 Jahre israelische Besatzung“ ist das Wort „Besatzung“ antisemitisch und Antisemitismus kann von der kath. Kirche nicht unterstützt werden.
    Fatime – Du und ich und viele andere lassen sich nicht entmutigen!

  5. Detlef Kaiser

    Schöner Artikel! Und schön auch, dass es streitbewusste Pfarrer gibt, die in ihrer eigenen Kirche mit denen redeten, die auf dem offiziellen Kirchentag unerwünscht waren, wie Eugen Drewermann und Bodo Ramelow. Ein sehr schönes Kontrastprogramm – übrigens aus Spenden mitfinanziert!
    Gruss noh Kölle – D. K.

  6. Axel Wilms

    Ich finde den Artikel auch gut.

    Neben der anrüchigen Finanzierung durch VW finde ich auch die Finanzierung des Kirchentags durch den Staat, aus allgemeinen Steuermitteln, sehr dubios (ich habe noch nicht gefunden, wie das begründet wird) und finde im Moment (da ich keine guten Argumente für diese Finanzierung kenne), dass sich die Kirche damit zurecht den Unmut von kirchenfernen Kreisen zuzieht.

  7. Barbara Wichelhaus

    Frau Merkel hat bei der Podiumsdiskussion auf dem Kirchentag Rückenwind für Ihre Flüchtlingspolitik erhalten. Das finde ich gut,wenn ich auch aus verschiedenen anderen Gründen Frau Merkel nicht wähle. Und Herr Bedford-Strohm hat mit seiner Frage zur Abschiebung afghanischer Flüchtlinge auf schwere Mängel in der Flüchtlingspolitik hingewiesen.

  8. Christiane Florin

    Ich sehe den Kirchentag positiver als Sie: Natürlich gibt es das Juste Milieu, das sich selbst feiert. Aber es gibt nachdenkliche Momente, Kontroversen, ernsthaftes Ringen. Ich wüsste keine andere Veranstaltung, die so viele Menschen zu grundsätzlichen Diskussionen ermuntert. Gebetet und gesungen wird ja auch reichlich.
    Mein Fazit: http://www.deutschlandfunk.de/kirchentag-zum-reformationsjubilaeum-einmischung-erwuenscht.720.de.html?dram:article_id=387202.

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