Wort, Wörter, am Wörtesten (Eine Protestantin bei der Arbeit)

Patientin Eva

Mein Therapeut wollte neulich von mir wissen, was ich beruflich mache.
Ich bin natürlich im Wörter-Business unterwegs. Ich arbeite beim LUTHER-SUPPORT, einer protestantischen Hotline. Da rufen die Leute an, und dann gebe ich Ihnen evangelische Antworten. Solange bis sie passen. Die Leute. Nicht die Antworten.
Wie zum Beispiel gestern. Da rief auch so jemand an:

  • Hallo, hier LUTHER-SUPPORT: AN JEDEM ORT – IMMER SOFORT – DAS KLUGE WORT. Was kann ich für Sie tun?
  • Hallo?
  • Hallo? … Hallo?! Warum sagen Sie denn nichts?
  • Sie? Hallo? Was wollen Sie denn wissen? Sie wollen doch sicher irgendwas von mir wissen.
  • Oder haben? Wollen Sie was von mir haben?
  • Etwas mitteilen vielleicht? Heute will doch jeder immer aller Welt was mitteilen.
  • Mh. – Sagen Sie mal, warum rufen Sie überhaupt an, wenn Sie gar nichts sagen?
  • Hallo?
  • Mh.
  • Mir fällt übrigens gerade ein: Ich habe mal im Radio so was Ähnliches erlebt: Da kam erst normale Werbung – und dann auf einmal mittendrin 30 Sekunden lang Stille. Hören Sie? 30 Sekunden lang kam da kein Ton. Nichts. Alles nur still. Und hinterher hieß es: Dieser Werbespot wurde gesponsert von der Kirchengemeinde sowieso. Irre, was? 30 Sekunden Stille. Im Radio! Und dafür haben die bezahlt, die Heinis von dieser Kirche! Bekloppt, was?
  • Wobei, andererseits, wenn ich mal so überlege: Das hat man ja heute gar nicht mehr so oft, dass es ganz still ist, nicht wahr? Dass alle die Klappe halten und gar nichts gesagt wird. Irgendeiner quasselt ja immer. Bei den Protestanten schon mal sowieso.
  • Ha! Sie sind nicht evangelisch! Das immerhin haben Sie mir jetzt schon mal verraten mit Ihrem Nichts-Sagen. Haha! Evangelisch sind Sie nicht!
  • Sind Sie – sind Sie vielleicht der Dalai Lama? Der hat es doch auch immer mit dem Schweigen.
  • Genau: Sie müssen der Dalai Lama sein.
  • Herr Lama, ich finde das übrigens ganz toll, dass Sie das machen. Das mit dem Schweigen und so, meine ich.
    Dass Sie den Menschen die Kraft der Stille so nahebringen. Das ist wichtig, gerade heute.
    Doch, doch, das wird viel zu oft vergessen. Weil immer irgendwer den Mund nicht halten kann. Ist doch so, oder?
    Weil immer einer plappert. Worte. Worte. Immerzu Worte. In einer Tour immer nur Worte. Und noch mehr Worte. Immer muss einer irgendwelche Sätze raushauen. Das ist schlimm, Herr Lama, ganz schlimm. Die Leute spüren das heute einfach nicht mehr, wann es an der Zeit ist, dass sie einfach mal die Klappe halten.
    Dass sie mal still sind.
    Einfach still.
    Und mal eine Weile nichts sagen.
    Gar nichts.
    Einfach nichts, wissen Sie, was ich meine?
    Komplett nichts.
    Kein Pieps.
    Kein Mucks.
    Kein Laut.
    Kein Sterbenswörtchen.
    Nichts.
    Gar nichts, verstehen Sie?
    Dabei gibt es doch auch im Christentum – auch im Christentum, Herr Lama, doch, doch! – auch im Christentum gibt es diese großartigen Traditionen des Schweigens und des Verstummens: die „Häuser der Stille“ zum Beispiel oder die Mystiker oder die Schweige-Exerzitien der Mönche und natürlich auch nicht zu vergessen die Schweige-Exerzitien der Nonnen, überhaupt die Klöster, ja, doch, natürlich die Klöster, aber wem erzähle ich das, all die Klöster mit ihren herrlichen Kreuzgängen: steingewordene Mahnungen des Mundhaltens. Und dann natürlich auch noch – Hallo?
  • Hallo?!
  • Was ist das denn: aufgelegt!?
  • Ach, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht, dass der Dalai Lama so ungeduldig ist. Legt der einfach auf.
    Und vorher hat er ja nur in einer Tour geschwiegen.
    Und in einem Tempo geschwiegen – da ist man ja gar nicht mehr dazwischen gekommen!
    Und dann legt er auf.
    Also, ob das jetzt so spirituell war?!

 

 

(ursprüngliches Erscheinungsdatum des Beitrags: 11.09.2017)

9 Kommentare

  1. Rüdiger Forsbeck

    Ihre Blogs sind immer wieder schön, erheiternd und nachdenklich stimmend. Sie werden von mir auch immer gleich weiter geleitet an eine ganze Reihe Ihrer Fans.

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